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10.11.2016

"Stimmungsmache gegen Geschlechtergerechtigkeit ist keine Bagatelle"

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Kirche macht mobil gegen Rechtspopulismus - Aufklärungsflyer zu rechtspopulistischer Anti-Gender-Hetze erschienen

Hannover/Bremen/Magdeburg (07. November 2016). Um den Fachbegriff Gender ist ein neuer Kulturkampf entbrannt, neokonservative und rechte Kräfte ziehen europaweit gegen eine liberale Geschlechterpolitik zu Felde. Über die politischen Hintergründe informiert jetzt eine Aufklärungsbroschüre, die das Evangelische Zentrum Frauen und Männer gGmbH gemeinsam mit der Gleichstellungsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche zur EKD-Synode herausbringt.

"Wir folgen dem Aufruf von Präses Schwaetzer, rechtspopulistischen Tendenzen in Kirche und Gesellschaft konsequent entgegenzutreten", erklärt Dr. Eske Wollrad, Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer. Der Flyer gebe in klarer Sprache Auskunft, was hinter der Rede vom sogenannten Genderismus stecke, sowie konkrete Tipps für den Umgang mit Stammtischparolen.

"Die Stimmungsmache gegen Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt ist keine Bagatelle", betont auch Peter Brockmann, Vorsitzender des Gleichstellungsbeirats der Bremischen Evangelischen Kirche. Auch wenn sie häufig weniger Beachtung fände als Xenophobie, stehe hinter beidem dieselbe menschenfeindliche Haltung. "Rechtspopulistische Kräfte bauen 'Anti-Gender' als zweites Standbein auf. Und genau hier liegt leider ihr Einfallstor in Teile der Kirche", so Brockmann.

"Aufklärung ist auch deshalb dringend notwendig, weil diejenigen, die den Fachterminus Gender diffamieren, selten offen sagen, was sie wirklich wollen", erläutert Martin Rosowski, Geschäftsführer am Evangelischen Zentrum Frauen und Männer. Sie forderten "Ehe und Familie vor!" oder den "Schutz unserer Kinder", zielten damit aber tatsächlich auf die Ungleichbehandlung all derer, die anders leben als sie selbst. "Gender hin oder her - es geht nicht um Wortklauberei, sondern um eine Schlüsselfrage", so Rosowski. "Wofür treten wir in Kirche und Gesellschaft ein? Für eine Welt, in der alle auf Augenhöhe dazugehören? Oder für eine Welt, in der manche Menschen mehr wert sind als andere und daher mehr Schutz verdienen als sie?"
Der Flyer beschreibt die Strategie neokonservativer Kräfte in ganz Europa, mit Hilfe von Verunglimpfungen des Terminus' Gender ein stereotypes Bild vom Mann- und Frausein und von Familie festzuschreiben und andere Lebensentwürfe wieder zurückzudrängen. Den Flyer finden Sie im Dateianhang, weitere Hintergrundinformation sind auch unter www.gender-ismus.evangelisches-zentrum.de zugänglich.

08.09.2016

Ein wissenschaftlicher Blick auf den NSU

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Von Armin Pfahl-Traughber aus Blick nach rechts

In einer jüngst erschienenen Studie wird der Kontext von Gesellschaft, Radikalisierung und Rechtsterrorismus näher reflektiert.
 

Die Anschläge und Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) haben in Medien und Politik große Aufmerksamkeit gefunden. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive sind bislang indessen nur einzelne Aufsätze, aber noch keine umfangreichere Monographie vorgelegt worden. Eine solche liefert jetzt der Politikwissenschaftler Matthias Quent mit seiner Studie „Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät“.

Auch wenn das eher wie eine journalistische Arbeit klingt, handelt es sich doch um eine ursprüngliche Promotionsschrift. Dem Autor geht es im Kern darum, die Entwicklung der drei NSU-Angehörigen und deren Umfeld als Radikalisierungsprozess zu untersuchen. Dabei nimmt er eine Differenzierung unterschiedlicher Ebenen vor und geht von ihrem Ineinandergreifen aus: die Gesellschaft (Makroebene), die Bewegung beziehungsweise Subkultur innerhalb der Zivilgesellschaft (Mesoebene) und die radikalisierten Individuen und Kleingruppen (Mikroebene).

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln, die zwei größeren Teilen zugeordnet werden können. Zunächst geht es um die Definition von „Radikalisierung“, den Forschungsstand zum Thema und den Kontext von Gesellschaft und Rechtsterrorismus. Ärgerlich ist, dass Quent Verweis auf Verweis, Zitat auf Zitat aneinander reiht. Er referiert dabei einzelne Autoren mal eher ablehnend, meist aber zustimmend. Als Beispiel heißt es dann auf nur zwei Seiten: „Hobsbawn (...) meint“, „Gurr (...) beschreibt“, „So stellt Della Porta (...) fest“ oder „Richardson (...) hält“ (S. 100). Demnach „klebt“ der Autor auf nahezu der Hälfte der Studie an der Sekundärliteratur. Dabei ignoriert er aber auffälligerweise Beiträge aus der Extremismus- und Terrorismusforschung zum NSU.


Deutungsversuche über das Ende der Mordserie

Erst nach gut der Hälfte des Textes geht es dann zum eigentlichen Thema: Ausführlich schildert Quent die Entstehung, Gruppenkultur und „Rationalität“ des NSU. Dabei nimmt er immer wieder die allgemeine Entwicklung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland in den Blick. Meist in Anlehnung an Donatella Della Porta nimmt der Autor gelegentlich auch komparative Betrachtungen zum linken Terrorismus vor (vgl. z.B. S. 251f.), wenngleich er bei der Abhandlung des Forschungsstandes die inhaltlich allerdings verzerrt dargestellte vergleichende Extremismusforschung verdammt. Aber immer dann, wenn Quent sich dem NSU nähert, wird seine Analyse besser und zielführender. Dies gilt allgemein für die Ausführungen zu den Karrieren individueller Radikalisierung (vgl. S. 289-312), aber auch zu Deutungsversuchen über das Ende der Mordserie (vgl. S. 279-284). Er formuliert hier etwa: „Der Terrorismus des NSU ist zu deuten als ein Kommunikationsprozess zwischen Rechtsextremen und migrantischer Bevölkerung“ (S. 280).

In der Gesamtschau fällt das Urteil über die Veröffentlichung ambivalent aus: Während der erste Teil zwar eine informative Darstellung zu verschiedenen Aspekten der Forschung enthält, blitzt hier nur selten die eigene analytisch-wissenschaftliche Leistung durch. Darüber hinaus finden sich mitunter Einseitigkeiten und Fehldeutungen insbesondere zur Extremismustheorie, die gerade mal mit einem Buchtitel überhaupt im Literaturverzeichnis einen Platz findet. Die Darstellung und Untersuchung des NSU-Komplexes im engeren Sinne ist dann gelungener. Quent geht nicht nur ausführlich auf die Artikel von Uwe Mundlos ein (vgl. S. 234-251), er zeichnet auch detailliert den Radikalisierungsprozesses des NSU-Trios und ihres Umfeldes nach und entwickelt dabei eine gelungene Typologie (vgl. S. 289-312). Auch wenn zu vielen Detailfragen noch immer Wissenslücken bestehen, gelingt es dem Autor hier doch, den Kontext von Gesellschaft, Radikalisierung und Rechtsterrorismus näher zu reflektieren. Dabei findet man durchaus beachtenswerte Ansätze für die weitere Forschung.


Matthias Quent, Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät, Weinheim 2016 (Beltz Juventa), 374 Seiten, 29,95 Euro.

08.09.2016

„Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“ – ein nützliches Nachschlagewerk

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Bente Gießelmann u.a. haben mit „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriff“ herausgegeben, das über zentrale Begriffe aus dem gemeinten politischen Lager und deren ideologische und strategische Hintergründe informiert. Durch die einheitliche Struktur der einzelnen Beiträge ist ein nützliches Nachschlagewerk entstanden, das im Bereich der politischen Bildung wie der sozialwissenschaftlichen Forschung gut genutzt werden kann.
Auch Rechtsextremisten fordern Demokratie und Freiheit, auch Rechtsextremisten kritisieren den Kapitalismus und die USA. Derartige Bekundungen irritieren zunächst, verortet man derartige Positionen doch meist anders. Beim Blick darauf, was Rechtsextremisten damit jeweils meinen, entsteht ein ganz anderer Eindruck. Auch Akteure aus diesem politischen Lager bemühen sich um eine Besetzung, Instrumentalisierung und Umdeutung von politischen Begriffen. Darüber hinaus bestehen eigene politische Begriffe, die im Rechtsextremismus aufkamen und in die breitere Öffentlichkeit hinein getragen wurden. All dies ist Grund genug, sich näher mit solchen Worten zu beschäftigen. Dies erfolgt meist im Kontext von Ideologieanalysen einzelner Gruppen oder Parteien, aber nur selten in systematischer Art und Weise. In diese Lücke stößt das von den Kultur- und Sozialwissenschaftlern Bente Gießlmann, Robin Heun, Benjamin Kerst, Leonard Suermann und Fabian Virchow herausgegebene „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“.

Einleitend werden zunächst fünf Typen von Begriffen unterschieden, Erläuterungen zum Diskursverständnis und Darstellungen zur extremen Rechten und deren Varianten geliefert. Dann skizzieren die Herausgeber das Konzept für die folgenden Kapitel, die sich auf fünfundzwanzig Begriffe aus dem Rechtsextremismus beziehen. Sie reichen von „Abendland“ und „Achtundsechzig“, „Dekadenz“ und „Demokratie“, „Deutschenfeindlichkeit“ und „Freiheit“ über „Gemeinschaft“, „Geschlechtergleichschaltung“, „Heldengedenken“, „Islamisierung“, „Jude“, „Kameradschaft“, „Kapitalismus“, „Nation“, „Nationaler Sozialismus“, „Natur“, „Political Correctness“, „Raum“ und „Rasse“ bis zu „“Schuld-Kult“ und „Umvolkung“, „USA“ und „Vertriebene“ und „Vorbürgerkrieg und „Zigeuner.“ Dabei hat jeder Autor für die Gestaltung ein vorgegebenes Schema bekommen: Nach einer kurzen Einführung geht es um Vertiefungen zu Funktionen und Verwendungsweisen, dann erfolgt noch ein Blick auf den jeweiligen Kontext und ein Fazit zum Schluss.

Den Herausgebern ist es gelungen, alle Autoren an diese Vorgaben zu binden. Daher hat man es mit einem einheitlich strukturierten Handbuch zu tun. Gleichwohl unterscheiden sich die einzelnen Beiträge dann doch im Detail der Differenzierung. So gibt es „Begriffe“, deren Anwendungen in den unterschiedlichen Bereichen des Rechtsextremismus gesondert dargestellt und kommentiert werden. Bei anderen Begriffen fehlt eine solche Unterscheidung und alles wird in einem Textblock zusammengeführt. Dies lässt die Differenzen dann verschwimmen, macht aber stärker die Gemeinsamkeiten deutlich. Erklärbar ist diese Besonderheit wohl schlicht und ergreifend dadurch, dass sich einige Autoren im Thema besser auskennen als andere Autoren. Bei den Letztgenannten findet man auch weniger Originalzitate und dann meist noch aus größeren zeitlichen Abständen. Dabei gerät mitunter die Entwicklung von manchen der untersuchten Phänomene aus dem Blick. Auch machen die Literaturangaben deutlich, dass nicht jeder Autor den aktuellen Forschungsstand kennt.

Gleichwohl hat man es mit einem nützlichen Nachschlagewerk zu tun. Die einheitliche Struktur der Beiträge trägt dazu maßgeblich bei. Auch finden kritische Erörterungen zu den ideologischen Hintergründen und politischen Zielsetzungen statt. Und schließlich geht es ebenfalls um den entfalteten Diskurs selbst, womit Folgewirkungen in der Öffentlichkeit ausgelöst werden sollen. Bedauerlich ist indessen, dass eine dezidierte demokratietheoretische Perspektive nicht selten fehlt. Es wäre hier sicherlich wünschenswert gewesen, wenn die Herausgeber als einen festen Unterpunkt zur Unterscheidung einer demokratischen von einer rechtsextremistischen Position mit aufgenommen hätten. Man könnte darüber hinaus noch bestimmte Begriffe wie „Antizionismus“, „Gutmenschen“ oder „Zinsknechtschaft“ vermissen, sie kommen nur kurz bei anderen Begriffen vor. Aber es muss auch immer eine Auswahl getroffen werden. Bedauerlich ist noch, dass in der Einleitung die Extremismustheorie in Kombination mit der „Mitte“ gebracht wird, was so nicht stimmt.

Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe
Bente Gießelmann/Robin Heun/Benjamin Kerst/Leonard Suermann/Fabian Virchow (Hrsg.)
Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Ts., 2016
364 Seiten, 24,80 Euro

Quelle: http://www.endstation-rechts.de/news/kategorie/rezensionen/artikel/handwoerterbuch-rechtsextremer-kampfbegriffe-ein-nuetzliches-nachschlagewerk.html