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17.06.2016

Neue "Mitte"-Studie: Gesellschaft ist zunehmend polarisiert, Bereitschaft zu Gewalt steigt

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Die politische Einstellung der deutschen Bevölkerung ist polarisiert. Während eine deutliche Mehrheit der Gesellschaft rechtsextremes Denken und auch Gewalt zum Teil strikt ablehnt und Vertrauen in demokratische Institutionen hat, sind Menschen mit rechtsextremer Einstellung immer mehr bereit, zur Durchsetzung ihrer Interessen Gewalt anzuwenden. Dies ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie "Die enthemmte Mitte", die PD Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig in Kooperation mit der Heinrich Böll-, der Otto Brenner- und der Rosa Luxemburg-Stiftung durchgeführt und heute in Berlin vorgestellt haben.


Die Wissenschaftler befragten bundesweit 2.420 Menschen (West: 1.917, Ost: 503) zu den Themen Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Sie gliederten die Antworten in sechs soziologische Milieus.

"Es gibt zwar keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen, aber im Vergleich zur Studie vor zwei Jahren befürworten Gruppen, die rechtsextrem eingestellt sind, stärker Gewalt als Mittel der Interessensdurchsetzung", sagt Decker. Zudem habe bei diesen Gruppen das Vertrauen in gesellschaftspolitische Einrichtungen wie die Polizei oder Parteien deutlich nachgelassen. "Sie fühlen sich vom politischen System nicht repräsentiert", erläutert er. Als Erfolg der Zivilgesellschaft könne man es dagegen ansehen, dass in demokratischen Milieus Gewalt deutlich stärker abgelehnt wird als 2014. "Beides steht in Deutschland nebeneinander: Wir haben Menschen, die sich aktiv um Flüchtlinge bemühen, und es gibt Menschen, die Flüchtlinge aktiv ablehnen", sagt der Studienleiter. Damit habe eine deutliche Polarisierung und Radikalisierung stattgefunden.

Die Radikalisierung zeigt sich auch bei der Einstellung zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. "Die Ablehnung von Muslimen, Sinti und Roma, Asylsuchenden und Homosexuellen hat noch einmal deutlich zugenommen", konstatiert Brähler. 49,6 Prozent der Befragten sagten zum Beispiel, Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden. 2014 waren 47,1 Prozent dieser Meinung. 40,1 Prozent erklärten, es sei ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssten (2011: 25,3 Prozent). Und 50 Prozent gaben an, sich durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen. 2014 waren dies noch 43 Prozent. "Die gesellschaftlichen und rechtlichen Entwicklungen, wie etwa das liberalere Staatsbürgerrecht, der letzten Jahre in Deutschland, wird nicht von allen Teilen der Bevölkerung getragen", erklärt der Leipziger Sozialpsychologe.

Sichtbar wird diese Einstellung bei Anhängern von Pegida, die Decker als "neurechte Bewegung" sieht. "Wer Pegida befürwortet, ist zumeist rechtsextrem und islamfeindlich eingestellt und sieht sich umgeben von verschwörerischen, dunklen Mächten", sagt er. Alter, Bildungsanschluss oder Haushaltseinkommen spielten dagegen keine Rolle. Zu Tage bringt die Leipziger Studie auch, dass die Wähler der Alternative für Deutschland (AfD) nicht als von der Partei verführte Menschen gelten können. 84,8 Prozent der AfD-Wähler gaben beispielsweise an, Probleme zu haben, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Nachbarschaft aufhalten; 89 Prozent meinten, Sinti und Roma neigen zur Kriminalität. "Die meisten AfD-Wähler teilen eine menschenfeindliche Einstellung", sagt Brähler. Auch in der Gruppe der Nicht-Wähler sind diese Vorurteile sehr verbreitet. "Das Potenzial für rechtsextreme oder rechtspopulistiche Parteien ist noch größer als es die Wahlergebnisse bislang zeigen", sagt er.

Die Unterschiede in der rechtsextremen Einstellung zwischen Ost- und Westdeutschland sind der Studie zufolge nicht so groß. Als ausländerfeindlich gelten im Osten 22,7 Prozent der Befragten, 19,8 Prozent im Westen (bundesweit 20,4 Prozent). Allerdings unterscheiden sich die Ergebnisse Ost und West je nach Altersgruppe, besonders bei den zwischen 14- und 30-Jährigen. Im Osten sind 23,7 Prozent dieser Altersgruppe ausländerfeindlich, im Westen nur 13,7 Prozent. "Das ist gefährlich, Einstellungen können latent sein oder manifest geäußert werden, aber sie bleiben über die Zeit stabil", sagt Decker. Wer jetzt rechtsextreme Ansichten habe, werde diese noch einige Jahre vertreten. Zudem sei ein Großteil der jungen Menschen bereit, Gewalt anzuwenden.

Für die "Mitte"-Studie der Universität Leipzig werden seit 2002 alle zwei Jahre bevölkerungsrepräsentative Befragungen durchgeführt. Es gibt keine vergleichbare Langzeituntersuchung zur politischen Einstellung in Deutschland.

Quelle: Benjamin Haerdle, Universität Leipzig

Dokumente:

    Publikation "Die enthemmte Mitte" (Mitte-Studie 2016)
    Präsentation der Mitte-Studie 2016 (Foliensatz)

Die Süddeutsche Zeitung fasst einige Ergebnisse der Studie zusammen, zum Beispiel:
„Rechtsextreme finden in der AfD eine politische Heimat“.
 

31.05.2016

BDKJ positioniert sich klar gegen Menschenfeindlichkeit

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Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) bezieht klar Position gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Mit dem Beschluss „Wir widersprechen - weil wir glauben“ macht der Dachverband deutlich, dass in den katholischen Jugendverbänden und Jugendorganisationen Demokratie erlebbar wird und alle Formen von Menschenfeindlichkeit keinen Platz haben.

„Hass und Gewalt sind keine Formen der politischen Auseinandersetzung“, stellt die BDKJ-Bundesvorsitzende Lisi Maier klar.  „Wir erleben derzeit eine massive Zunahme an Gewalt gegen Geflüchtete und deren Unterstützerinnen und Unterstützer. Viele Menschen unterstützen diese Gewalt verbal oder rufen sogar offen dazu auf. Gegen diese, aber auch andere Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit müssen und werden wir als katholische Jugendverbände klar eintreten“,  betont Maier weiter. Als besonders besorgniserregend bewertet der BDKJ die Verbindungen der extremen Rechten zu Teilen der christlichen Kirchen: „Christinnen und Christen können bei vielen Themen unterschiedlicher Meinung sein, Menschenfeindlichkeit und Rassismus können aber niemals Teil einer christlichen Haltung sein“, so Maier. „Wir lassen nicht zu, dass Menschen im Namen unseres Glaubens angefeindet und ausgegrenzt werden.“

Der BDKJ unterstützt die klare Haltung der katholischen Bischöfe gegen Rassismus und Rechtspopulismus und fordert zugleich die Deutsche Bischofskonferenz auf, ihr Engagement gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch strukturell noch stärker auszubauen.

Eine große Verantwortung sieht der BDKJ auch bei den politischen Verantwortlichen der Parteien: „Politikerinnen und Politiker dürfen mit der Verbreitung von Angst nicht auf Stimmenfang gehen. Populistische Stimmungsmache mit Stammtischparolen muss auch im Wahlkampf ein Tabu sein“, so die Bundesvorsitzende. Stattdessen fordert der BDKJ politische Bildungsarbeit stärker in den Fokus zu nehmen und einen auf Langfristigkeit angelegten Ausbau der staatlichen Finanzierung von Aktivitäten gegen Rassismus und weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Die BDKJ-Hauptversammlung ist das höchste beschlussfassende Gremium des BDKJ. Rund 100 Delegierte aus ganz Deutschland haben bis Sonntag auf Burg Rothenfels Positionen zur Zukunft von Kirche und Gesellschaft bezogen. Der BDKJ ist Dachverband von 17 katholischen Jugendverbänden und –organisationen mit rund 660.000 Mitgliedern. Er vertritt die Interessen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Kirche, Politik und Gesellschaft.
 

PM BdKJ/Theresa von Bischopink

31.05.2016

Stammtisch und Kirchenbank – Was tun gegen rechtsextreme Christen?

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Ökumenische Konferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus tagte in Villigst

Fremde unter uns – das ist das Thema in Politik und Medien, an Stammtischen und auch in Kirchen. Einerseits engagieren sich so viele wie vielleicht nie zuvor, andererseits ist vielerorts Feindlichkeit gegenüber Muslimen spürbar. Über die Positionierung der Kirche zwischen gesellschaftspolitischem Engagement und rechtskonservativen Tendenzen wurde auf der ökumenischen Konferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus diskutiert.

"Diese Menschen, die unter dem Hashtag #WirSindChristen anti-muslimische Hetze verbreiten, haben den Leib Christi wohl mit einem Christstollen verwechselt", sagt der Überraschungsgast Volker Beck und erntet dafür zustimmendes Gemurmel und Nicken vom Konferenzpublikum. Doch wie reagiert man am besten auf Hetze, die angeblich im Namen aller Christen geschieht? Beck, der bis vor kurzem religionspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag war, hat versucht, ihnen mit einem Vers aus der Bergpredigt nach Matthäus den Spiegel vorzuhalten: "Wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?" (Matthäus 5,47). Sich nur auf die einzulassen, die die eigene Meinung vertreten, findet Beck zu einfach.
Nicht aufhören zu diskutieren

Ob die Hetzer jetzt darüber nachdenken, wie ihr Handeln mit christlichen Werten vereinbar ist – er weiß es nicht. Aber Beck will nicht aufhören zu diskutieren. "Die Populisten sind im Internet so stark, weil sie top darin sind, alles zu verkürzen und zuzuspitzen", sagt der Politiker. Demokraten hingegen diskutieren Themen in all ihrer Komplexität und differenzieren – zu Recht, wie Beck findet, und man dürfe auch nicht damit aufhören. Er predigt an diesem Tag zu den Bekehrten. Denn die rund 70 Anwesenden wollen differenziert darüber diskutieren, wie die Kirchen mit der Herausforderung des gesellschaftlichen Rechtsrucks umgehen können und was sie der Feindbildinszenierung theologisch entgegenzusetzen haben.

Annette Jantzen, Referentin für Kirchenpolitik und Jugendpastoral des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, gibt offen zu, dass ihr die Frage, ob sich die Kirche gegen Rechtsextremismus stellen müsse, zuerst fremd war. "Ich empfinde es als selbstverständlich, dass wir Fremden mit Empathie begegnen und uns im Umkehrschluss natürlich gegen Rechtsextremismus stellen müssen", sagt sie und beruft sich dabei beispielsweise auf 3. Mose 19,33-34: "Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben: Er ist wie du; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen."


Die Bibel erzählt auch eine Abgrenzungsgeschichte

Dann sei ihr jedoch bewusst geworden, dass Religion und Kirche nicht per se vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit schützen können – ganz im Gegenteil sogar. "Denn Religionen haben immer ein Innen und Außen, Gläubige und Ungläubige. Die Bibel erzählt auch eine Abgrenzungsgeschichte vom Judentum und den Heiden", erklärt Jantzen.

Für den Beauftragten für Kirche und Rechtsextremismus des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg, Joachim Nolte, wird diese Dualität von Innen und Außen jedoch von der Zusage Gottes, die für alle Menschen gilt, übertrumpft. "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch", so steht es beispielsweise in 1. Joh. 3,1. Jedoch werde Gottes Zusage von der Mehrheit nicht in dieser allumfassenden Breite erkannt. Dem stimmt auch Jantzen zu: "Die Menschen denken zum Beispiel: Gott muss mich ja zumindest ein kleines bisschen bevorzugen, weil ich zur Messe gehe. Die Vorstellung, dass Gott alle Menschen unabhängig von ihren Taten gleich liebt, ist schwer zu verinnerlichen." Diese Verheißung für alle sei jedoch ein wichtiges theologisches Argument gegen jene, die gegen Ausländer, Homosexuelle und andere hetzen.


Abbau von Unwissenheit und Vorurteilen

Doch nicht nur diese Verheißung könne gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit helfen. Der evangelische Theologe und Soziologe Thomas Dreessen schwört auf die Wirksamkeit gemeinsamer, positiver Erfahrungen. Er bringt Jugendliche zusammen und lässt sie gemeinsam etwas unternehmen. "Nicht über Bibelstellen reden ist wichtig, sondern im Leben danach handeln. Und das eigene Auenland verlassen, um zu erfahren, wie andere Menschen leben", sagt Dreessen. Der Abbau von Unwissenheit und Vorurteilen aller Art sei wichtig, da beides der beste Nährboden für Ängste sei und diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit fördere. Stattdessen solle man Jesu Beispiel folgen: Er habe jeden an seinen Tisch eingeladen – die Sünder, die Zöllner, die Samariter. Wer sie waren – es spielte keine Rolle. "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt eins in Christus", schrieb Paulus an die Galater (3,28).

"Schütze das Recht der Hilflosen"

Irgendwann kommt in der Diskussion die Frage auf, wie man diese Inhalte all jenen begreifbar machen sollte, die "unterm theologischen Radar fliegen". Dieser gedankliche Schritt in die Praxis fällt einigen Teilnehmenden schwer. Denn theologische Erkenntnis ist nicht gleich Praxis. "Wir dürfen nicht die Fachsprache und komplexe Bibelauslegungen verwenden, sondern müssen die Befreiungs- und Entgrenzungsgeschichte tatsächlich lebendig erzählen, denn so ist der hermeneutische Schlüssel automatisch mit drin", fordert Annette Jantzen. Und Thomas Dreessen fügt hinzu: "Wir müssen sie mit Leben füllen und im Alltag danach handeln."

Am Ende der Konferenz bleibt jedoch auch die Erkenntnis, dass es kein theologisches Allheilmittel gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gibt. Was eigentlich wirken sollte – nämlich die Verheißung, dass alle Gottes Kinder sind und die Selbstrelativierung, die im Glauben steckt – wirkt nicht bei allen. Damit muss man klarkommen – aber sich nicht damit abfinden. Denn die Bibel (Sprüche 31,8-9) fordert auf: "Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen. Sprich für sie und regiere gerecht! Hilf den Armen und Unterdrückten!"

Lena Ohm (evangelisch.de)