Hintergrund

Aktuelles & Bilder

16.02.2015

Fragile Mitte! Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014

Photo

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat  im November die repräsentative Studie "Fragile Mitte - Feindselige Zustände" veröffentlicht, die sich mit rechtsextremen Einstellungen in Deutschland beschäftigt. Die Ergebnisse bieten unter Anderem interessante Erklärungsmuster für die aktuellen Entwicklungen.

Wir übernehmen die Auswertung von www.netz gegen nazis.de

Die folgenden Daten stammen aus der Studie: Andreas Zick/ Anna Klein: Fragile Mitte - Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014.

Sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellungen

Im Rahmen der Studie wurden 1.915 repräsentativ ausgewählte Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit im Alter von 16-95 Jahren befragt. Der Altersdurchschnitt betrug 49,9 Jahre.

Zur Ermittlung der rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung, wurden diese in sechs Dimensionen unterteilt:

+ Befürwortung Diktatur

+ Chauvinismus

+ Ausländerfeindlichkeit

+ Antisemitismus

+ Sozialdarwinismus

+ Verharmlosung des Nationalsozialismus

Verbreitung rechtsextremer Einstellungen

Durch einen Fragebogen wurden die Zustimmungswerte zu den jeweiligen Dimensionen ermittelt. Die Ergebnisse sind in Teilen besorgniserregend:

+ 23% Zustimmung:  „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“

+ 11% Zustimmung: „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mir starker Hand regiert.“

+ 36% Zustimmung:  „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.“

+ 18% Zustimmung: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“

Vergleich von rechtsextremen Einstellungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen

Ost/West-Vergleich

+ Rechtsextreme Einstellungen sind nach wie vor häufiger bei Personen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind.

+ Der größte Unterschied besteht bei der Dimension Ausländerfeindlichkeit (6,8% im Westen, 10,6% im Osten).

Vergleich nach Geschlechtern

+ Kaum größere Unterschiede bei der Zustimmung zum Rechtsextremismus nach Geschlecht.

+ Einzig die Ausländerfeindlichkeit ist bei den Frauen (10,6%) signifikant häufiger als bei den Männern (6,8%).

Vergleich nach Altersgruppen

+ Personen im mittleren Alter (31-60) stimmen rechtsextremen Einstellungen am seltensten zu.

+ Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus ist bei der Gruppe der über 60jährigen am häufigsten verbreitet.

+ Befürwortung einer Diktatur und Verharmlosung des Nationalsozialismus sind am häufigsten bei der Gruppe der 16-30jährigen.

+ Die Unterschiede zwischen der jüngsten und der ältesten Altersgruppe sind jedoch eher gering.

Sozioökonomische Selbstverortung

+ Die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen ist bei Person die sich selbst in der sozioökonomischen Mitte verorten würden am geringstes, bei Personen die sich selbst der Unterschicht zugehörig fühlen, am höchsten.

+ Auffällig sind die im Vergleich zur Mitte deutlich höheren Zustimmungswerte bei den Befragten die sich selbst oben einordnen würden.

Politische Selbstverortung

+ Die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen ist, wie zu erwarten war, bei Personen die sich selbst ins politisch rechte Spektrum einordnen würden am höchsten.

+ Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass auch Personen die sich selbst in die politische Mitte verorten würden teilweise hohe Zustimmungswerte zu rechtsextremen Einstellungen aufweisen (z.B. 6,2% Ausländerfeindlichkeit).

Entwicklung von rechtsextremen Einstellungen

+ Insgesamt sind 2014 die Zustimmungswerte zu allen Dimensionen rechtsextremer Einstellungen geringer als im Jahr 2012, mit Ausnahme der Zustimmung zur Diktatur (2012: 3,5% 2014: 4,1%)

+ Besonders auffällig ist die stark rückläufige Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen (2012: 25,1%, 2014: 7,5%).

+ Auch chauvinistische (von 19,4% auf 12,1%) und antisemitische (von 8,6 auf 3,2%) Einstellungen sind stark zurückgegangen.

+ Mit Blick auf den Antisemitismus haben jedoch weniger die klassischen judenfeindlichen Vorurteile, sondern mehr sekundär antisemitische Einstellungen und Aussagen, die sich einer Dämonisierung Israels bedienen, besonders hohe Zustimmungswerte erfahren.

Auswirkungen rechtsextremer Einstellungen auf das Verhalten

Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen nach Parteipräferenz

+ Die deutlichsten Zustimmungswerte gibt es selbstverständlich bei Wählern der NPD.

+ Es existieren jedoch auch bei Wählern der AfD überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte zu chauvinistischen (41,2%) und ausländerfeindlichen Aussagen (15,9%), sowie zu Aussagen, die den Nationalsozialismus verharmlosen (14,3%).

+ Auffällig hohe Zustimmungswerte gibt es zudem in der Gruppe der Nichtwähler. Diese sind daher potentiell für rechtspopulistische Mobilisierung erreichbar.

+ Auch bei Wählern anderer Parteien gibt es deutliche Zustimmung zu einigen rechtsextremen Dimensionen. So stimmen zum Beispiel 9% der CDU/CSU Wähler, 4,5% der SPD Wähler und sogar 10% der FDP Wähler ausländerfeindlichen Aussagen zu.

Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft

+ Knapp 14% der Befragten sind der Meinung, dass Gewalt gegen politische Verantwortliche unter Umständen gerechtfertigt sein kann.

+ Gewalt gegen Einwandere halten 12% der Befragten für gerechtfertigt.

+ 15% der Befragten wären bereit, sich mit Gewalt gegen Fremde durchzusetzen.

+ Insgesamt ist davon auszugehen, dass mehr als 10% der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland offen Gewalt billigen und/oder selbst dazu bereit wären, Gewalt anzuwenden.

Vergleicht man die Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft der Personen die rechtsextremen Aussagen zustimmen, mit dem Gewaltpotential derer, die diese Aussagen ablehnen, so kann man für alle Dimensionen rechtsextremer Einstellungen eine hohe Affinität zu Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft feststellen:

+ So sind etwa Personen, die eine Diktatur befürworten, mehr als dreimal so gewaltbereit, wie Personen, die eine Diktatur ablehnen (30,3 zu 8,7%).

+ Personen mit antisemitischer Einstellung billigen Gewalt fast siebenmal häufiger, als nicht antisemitisch eingestellte Befragte (28,8% zu 4,4%).

+ Personen mit ausländerfeindlicher Einstellung billigen Gewalt fast sechsmal häufiger (27% zu 4,7%), und sind über viermal häufiger dazu bereit, Gewalt selbst anzuwenden (34,1% zu 7,8%).

Rechtsextremismus in der Wahrnehmung der Bevölkerung

+ Rechtsextremismus wird von fast 87% der Befragten als Bedrohung wahrgenommen, allerdings sind über 50% der Meinung, das Problem würde in den Medien zu hochgekocht.

+ Nur etwa die Hälfte der Befragten fühlt sich persönlich dafür verantwortlich, etwas gegen Rechtsextremismus zu tun.

+ Ebenfalls die Hälfte ist der Meinung, es sei am besten die Rechtsextremen zu ignorieren.

+ 80% halten es für dringend notwendig, etwas gegen Rechtsextremismus zu unternehmen.

Vergleicht man die Ergebnisse für die verschiedenen Altersgruppen, so erkennt man deutliche Unterschiede:

+ So nimmt die jüngere Altersgruppe (16-30) den Rechtsextremismus am wenigsten als Bedrohung wahr (7,3%)  und hält es für am wenigsten dringend etwas gegen den Rechtsextremismus zu unternehmen (12,3%).

+ Die älteste Gruppe (60+) nimmt zwar den Rechtsextremismus am ehesten als Bedrohung wahr (73,4%) fühlt sich jedoch auch am wenigsten  persönlich dafür verantwortlich etwas dagegen zu unternehmen (21,9%).

+ Vor allem die mittlere Altersgruppe (31-60) ist der Ansicht, der Rechtsextremismus würde in den Medien hochgekocht (28,4%).

Zusammenfassende Erkenntnisse

Die Studie von 2014 zeigt, dass rechtsextreme Einstellungen in Deutschland klar zurückgehen. Der vergleichsweise hohen Teilnehmerzahlen der Pegida-Demonstrationen in den vergangenen Wochen, sind demnach nicht repräsentativ für die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung. Als mögliche Begründung für die rückläufigen Zahlen wird das Bekanntwerden des rechtsextremen Terrors im Jahr 2011, und die die dadurch ausgelöste öffentliche Debatte angeführt. Des Weiteren, so heißt es, scheinen die Bemühungen zahlreicher Initiativen, Stiftungen und Projekte der politischen Bildung normativ zu wirken. Das alles ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die weitverbreiteten rechtsextremen Einstellungen und Ressentiments nach wie vor ein ernstzunehmendes, gesamtgesellschaftliches Problem darstellen - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der deutlich höheren Gewaltbereitschaft bei Menschen mit rechtsextremen Positionen.

Es ist bemerkenswert, dass 25 Jahre nach dem Mauerfall, Rechtsextremismus, und im Speziellen, Ausländerfeindlichkeit nach wie vor im Ostdeutschland mehr Zuspruch als in Westdeutschland erfährt. So war das Epizentrum der Pegida-Bewegung nicht umsonst in Sachsen. Die Autoren sehen eine Erklärung darin, dass der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung im Osten wesentlich geringer ist, und daher weniger Möglichkeiten für interkulturellen Kontakt bestehen. Außerdem muss beachtet werden, dass die Unterschiede zwischen anderen Regionen, etwas Bundesländern oder wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Regionen größer sind, als die Ost-West-Differenzen.

Durch die Befragung wird außerdem deutlich, dass rechtsextreme Tendenzen sowohl in der politischen, als auch in der sozioökonomischen Mitte am geringsten sind. Der gesellschaftliche Wandel, der mit einem Schrumpfen eben dieser Mitte einhergeht, kann also eine indirekte Gefahr für die Demokratie bedeuten. Das Aufkommen neuer rechter Parteien, die durch subtilere rechtspopulistische Positionen auf einen Stimmengewinn in der Mitte der Gesellschaft aus sind, stellt daher eine tatsächliche Bedrohung dar, und muss ernst genommen werden.

Betrachtet man die Wahrnehmung von Rechtsextremismus in der Bevölkerung,  so stellt man fest, dass die Problematik mehrheitlich durchaus ernst genommen, und als bedrohlich eingestuft wird. Erwähnenswert ist hier allerdings vor allem die Tatsache, dass ebenfalls eine Mehrheit der Ansicht ist, das Problem würde in den Medien zu sehr hochgekocht. Die Zustimmung zu dieser Aussage, korreliert, so die Autoren, auch eindeutig mit einem rechtsextremen Überzeugungsmuster. Dieser Zusammenhang von Medienverachtung und Rechtsextremismus geht einher, mit dem allgemeinen Misstrauen in die Medien, dass in den vergangenen Wochen und Monaten im Pegida-Umfeld durch die abwertende Propagierung einer „Lügenpresse“ zum Ausdruck gekommen ist.

Es lässt sich zusammenfassen, dass die Studie trotz allerlei besorgniserregender Erkenntnisse, alles in allem Grund zum Optimismus bietet.  So lange rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung rückläufig sind, so lange befindet sich die Gesellschaft auf dem richtigen Weg – wenngleich es noch viel zu tun gibt.

12.11.2014

„Demokratie fällt nicht vom Himmel“ Interview der Evangelischen Zeitung mit Karl-Georg Ohse

Photo

06.11.2014 | Schwerin. Das Projekt „Kirche stärkt Demokratie” bietet Fortbildungen zum Umgang mit Rechtsextremismus an: für Haupt- und Ehrenamtliche in evangelischen und katholischen Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns. Beratungen und Supervision vor Ort gehören zum Angebot, das sich auch an Kirchen- und Pfarrgemeinderäte sowie Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen wendet. Ein Gespräch mit Projektleiter Karl-Georg Ohse.

Evangelische Zeitung: Wer nimmt Ihre Angebote wahr, wer kommt zu den Fortbildungen?

Karl-Georg Ohse: Meist sind es engagierte Gemeindemitglieder oder Synodale. Und die fragen sich: Wie bekomme ich meinen Pastor oder den Kirchengemeinderat dazu, sich gegen Rechtsextremismus einzusetzen und so für eine demokratische Gesellschaft stark zu machen?

Evangelische Zeitung: Engagieren sich Ihrer Ansicht nach genug Pastoren und Gemeinden gegen rechts?

Es gibt einzelne Pastorinnen und Pastoren, die sich sehr engagieren. Aber viele halten sich eher zurück – mit dem Argument: „Das ist nicht unsere Aufgabe, sondern die des Staates.” Die meisten haben schlicht und einfach Angst, zum Beispiel wenn es darum geht, bei Gegenaktionen zu einer NPD-Demonstration öffentlich Stellung zu beziehen.

Evangelische Zeitung: Was kann man gegen diese Angst tun?

Grundsätzlich ist erst einmal wichtig, sich einzugestehen, dass man Angst hat und deswegen nicht handelt. Im nächsten Schritt sollte man sich kompetente Partner aus anderen gesellschaftlichen Bereichen suchen: die Polizei. Ansprechpartner aus den mobilen Beratungsteams. Leute, die auf seiten der Opfer rechtsextremistischer Hetze und Übergriffe stehen. Gerade auf Dörfern sind solche Netzwerke wichtig.

Evangelische Zeitung: Wie können Gemeinden konkret gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorgehen?

Eine Möglichkeit a, sich auf kommunalpolitischer Ebene  einzubringen. Zum Beispiel, wenn es um Flüchtlinge geht. Gemeinden können Solidaritätsgruppen gründen. Es gibt einen Fall, in dem Konfirmanden Flüchtlingen Deutschunterricht geben.

Evangelische Zeitung: Welche Rolle spielt Rechtsextremismus bei Jugendlichen, die am Konfirmandenunterricht teilnehmen?

In Mecklenburg-Vorpommern ist das Thema natürlich relevant – allerdings weniger, weil die Konfirmanden selbst rechtsextrem eingestellt sind. Das kommt eher selten vor. Aber fast alle werden in ihrem Umfeld mit Rechtsextremismus konfrontiert: in der Schule oder in ihrem Dorf.

Evangelische Zeitung: Und die extrem rechten Jugendlichen kommen nicht zum Konfirmandenunterricht?

Die Mehrheit der rechten Szene ist neo-heidnisch ausgerichtet: Diese Jugendlichen haben kaum Bezug zur Kirche – auch viele Eltern nicht. Aufgrund der DDR-Zeit ist hier sozusagen ein Vakuum entstanden. Es gibt unter dieser Jugendlichen eher den Trend, sich innerhalb pfadfinder-ähnlicher Strukturen zu organisieren.

Evangelische Zeitung: Wie präsentieren sich Neonazis nach außen: Sind sie eindeutig durch Kleidung, Musik und kulturelle Codes erkennbar?

Die jungen Neonazis treten nicht mehr als brutale Skinheads in Springerstiefeln auf. Auch die Musik lässt sich nicht mehr so klar zuordnen wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das hat sich ausdifferenziert, die Szene ist sehr gemischt:     Heavy Metal, Hip-Hop, Liedermacher – alles ist dabei. Und äußerlich kann man rechtsextrem eingestellte Jugendliche manchmal kaum von Links-Autonomen unterscheiden.

Evangelische Zeitung: Welche präventiven Strategien lassen sich im Rahmen kirchlicher Jugendarbeit entwickeln, um Jugendliche zu schützen und zu verhindern, dass sie sich rechtsextremen Gruppen anschließen?

Wichtig für Jugendliche ist, sich selbst verorten zu können. Anstatt sie vor einer rechtsextremen Haltung zu warnen, würde ich darauf setzen, ihr demokratisch-christliches Selbstbewusstsein zu stärken. Und mit ihnen Fragen zu erarbeiten wie: „Warum sind Menschenrechte wichtig? Was ist meine Vorstellung vom Leben in einer demokratischen Gesellschaft? Was halte ich von Menschen, die gegen Andersgläubige oder Familien mit Migrationsgeschichte agitieren?” Eine andere Möglichkeit, die Jugendlichen zu sensibilisieren sind lokale Geschichtsprojekte. Dabei können sie etwa in der Dorfchronik recherchieren, was aus den jüdischen Menschen geworden ist, die vor 1945 in ihrem Heimatort gelebt haben.

Evangelische Zeitung: Und wie ist es, wenn die Jugendlichen doch rechte Einstellungen äußern – sei es im Konfirmandenunterricht oder während einer Freizeit?

Es ist wichtig, jeden Jugendlichen als Person anzunehmen. Und sich anzuhören, welche Fragen er oder sie hat. Nur so ist ja möglich, einen Zugang zu den jungen Menschen finden. Manchmal kommen Kinder aus Kaderfamilien – die oft in sogenannten „rein deutschen Dörfern” leben – mit Kirche in Berührung: Auch Schulen und Kindergärten sind damit konfrontiert. Wichtig ist, diese Kinder nicht auszugrenzen, sondern ihnen anhand unserer Werte und Zuwendung Alternativen anzubieten.
Info

Im Januar 2015 startet der zweite Durchgang der Fortbildungsreihe „Kirche kann Demokratie“. Informationen im Netz: www.teo-kist.de/termine_anmeldung/

27.10.2014

Neue Mitte-Studie der Uni Leipzig: NPD- und AfD-Wähler sind am deutlichsten rechts eingestellt

Photo

Die sozialpsychologischen "Mitte-Studien" der Universität Leipzig sind seit Jahren so etwas wie das Fieberthermometer der Republik. Sie machen sichtbar, wie die Wähler und Nichtwähler im Lande ticken und wie eng ihre Zustimmung zur Demokratie und zu bestimmten Parteien von ihrer Bildung, ihrem Alter und ihren Vorurteilen zusammenhängen. Diesmal wird auch die Klientel der AfD sichtbar. Und damit kommt die Studie tatsächlich mitten in der Mitte an.

"NDP-Wähler sind überwiegend männlich, fühlen sich häufig gesundheitlich beeinträchtigt und sind neben den Nichtwählern am ärmsten", lautet eine der Einschätzungen aus der neuen Studie, bei der von Februar bis April - also noch deutlich vor Europa- und Sachsenwahl - 2.432 Personen zwischen 18 und 91 Jahren befragt wurden.

In der aktuellen, repräsentativen Befragung zu Parteien und ihren Wählern, durchgeführt an der Universität Leipzig, zeigen NPD-Anhänger zudem erwartungsgemäß und konstant die stärkste rechtsextreme und ausländerfeindliche Einstellung. Erstmals einbezogen wurden die Wähler der AfD. Demnach ist auch in dieser, ebenfalls von Männern dominierten Gruppe durchgängig eine hohe Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen zu finden. Sie folgen in der Stärke der Ausprägung rechtsextremer Aussagen gleich hinter den NPD-Wählern. Auffällig ist, dass auch sie Muslime stark abwerten, Sinti und Roma anfeinden und die Europäische Union nicht mögen.

Seit 2002 werden für die sozialpsychologische "Mitte-Studie" in regelmäßigen Abständen repräsentative Befragungen zum Wählerverhalten und zur rechtsextremen Einstellung in Deutschland durchgeführt. Die aktuelle Publikation "Die Parteien und das Wählerherz 2014" unter der Leitung von PD Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler und unter Mitarbeit von Johannes Kiess setzt die Parteipräferenzen der Wähler in Bezug zu ihren soziodemographischen Daten. Es wurde auch die übliche Sonntagsfrage gestellt: "Was würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären?" So konnten die Wähler beschrieben werden, die den Parteien ihre Präferenz gaben.

"Wählerprofile sind vielschichtig, deshalb ist es aufschlussreich, differenzierter hinzuschauen", sagt der Sozialpsychologe Oliver Decker von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. "Auch, weil die Parteienlandschaft immer wieder durch Neugründungen auf sich aufmerksam macht."

Elmar Brähler, langjähriger Leiter der Abteilung, ergänzt: "Hatten wir im vergangenen Befragungsdurchgang noch ein besonderes Augenmerk auf die Wähler der Piratenpartei, waren wir im diesjährigen gespannt auf die Einstellungen der AfD-Anhänger. So sind sie beispielsweise am unzufriedensten mit dem Funktionieren der Demokratie."

Aber auch die wohl wichtigste Gruppe wird dabei erfasst: die der Nichtwähler.

Immerhin steht bei niedriger Wahlbeteiligung immer die Frage: Hätten diese Menschen anders gewählt? Oder hätten sie nur dasselbe gewählt wie alle anderen auch? Oder zeugt der wachsende Anteil von Nichtwählern von der viel beschriebenen Wahl- und Demokratie-Müdigkeit?

Ein Aspekt zumindest deutet darauf hin, dass geringe Wahlbeteiligungen tatsächlich keinen guten Zustand der Demokratie kennzeichnen:

Bei den Wählern der NPD und den Nichtwählern findet sich die größte Gruppe der Armen. Ein Sechstel der NPD-Wähler und ein Fünftel der Nichtwähler haben ein Einkommen unter 1.000 Euro monatlich.

Unter den Wählern der FDP und der AfD finden sich nur wenige mit einem geringen Einkommen. Nur 26,1 Prozent der Wähler der NPD haben ein monatliches Haushaltseinkommen von mehr als 2.500 Euro. Im Gegensatz dazu verfügen 55,6 Prozent der FDP-Wähler, 48,3 Prozent der Piratenpartei-Anhänger und 47,3 Prozent der Grünen-Wähler über ein Einkommen von mehr als 2.500 Euro. Und auch bei Bildung und Arbeitslosigkeit spielen Nichtwähler eine unübersehbare Rolle.

Unter den Wählern der Grünen finden sich die meisten Menschen mit Hochschulreife, 43,5 Prozent von ihnen haben Abitur. Dagegen haben nur 8,8 Prozent der Nichtwähler und 13 Prozent der NPD-Wähler den höchsten Schulabschluss. Bei der Sonntagsfrage spielten die FDP und vor allem die AfD für die Wahlentscheidung von Arbeitslosen kaum eine Rolle.

Aber ein Ergebnis der vorigen "Mitte-Studien" bestätigt auch dies in aller Eindeutigkeit: Rechtsextreme Einstellungen sind breit gestreut.

Bei allen sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellung (Befürwortung rechtsautoritärer Diktatur, Chauvinismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus) und im Gesamtwert zeigen sich die Anhänger der NPD deutlich antidemokratisch und rechtsextrem eingestellt. Bei fünf von sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellung zeigen aber auch die Anhänger der AfD ausgeprägt hohe (nach den NPD-Wählern die höchsten) Werte. Nichtwähler und Unentschlossene erreichen generell auch noch hohe Werte. Die Anhänger der Grünen zeigen bei allen Facetten die niedrigsten Werte, sie lehnen im Durchschnitt nahezu alle Aussagen ab.

87 Prozent der NPD-Wähler und 71,2 Prozent der AfD-Wähler fühlen sich durch zu viele Muslime wie Fremde im eigenen Land. 87 Prozent der NPD-Wähler und 60,8 Prozent der AfD-Wähler wünschen keine Zuwanderung für Muslime nach Deutschland. SPD- und CDU/CSU-Wähler sind sich in diesem Bereich annähernd einig: 43 beziehungsweise 42 Prozent werten Muslime ab und 38 beziehungsweise 37 Prozent wünschen keine Zuwanderung. Unter Grünen- und FDP-Wählern findet sich dagegen die kleinste Gruppe von Menschen, die Muslime abwerten. Die Mehrheit bei fast allen Parteianhängern, bis auf die Wähler der Grünen, ist der Meinung, dass es keinen tatsächlichen Verfolgungsdruck für Asylbewerber im Heimatland gibt. Rund 83 Prozent der NPD-Wähler und rund 77 Prozent der AfD-Wähler sind dieser Meinung.

Rund 96 Prozent der NPD-Wähler haben ein Problem mit dem Aufenthalt von Sinti und Roma in ihrem Lebensumfeld und sind der Meinung, diese neigen zur Kriminalität. 91 Prozent möchten Sinti und Roma aus den Innenstädten entfernen. Die entsprechenden Werte für die Anhänger der AfD liegen bei 75 Prozent beziehungsweise 73 Prozent. Auch die Mehrheit der Nichtwähler und der Anhänger von CDU/CSU und SPD sind eher sinti- und romafeindlich. Am liberalsten sind die Anhänger der Grünen, aber auch unter ihnen lehnt ein Drittel Sinti und Roma ab.

Und beim Thema EU geht die Sortierung ganz ähnlich weiter:

Die meisten der NPD- und AfD-Wähler, der Unentschlossenen und der Nichtwähler halten die EU für keine gute Sache, die Mehrheit der Linken-Wähler schließt sich an. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, ob Deutschland durch die EU eher Vorteile hat. Bis auf die Anhänger der NPD und AfD hat die Mehrheit allerdings kein negatives Bild von der EU.

Und nicht nur die EU ist vielen Wählern ein Buch mit sieben Siegeln. Viele fühlen sich auch von der Demokratie und ihren komplizierten Wechselwirkungen überfordert.

Und das trifft auf die AfD besonders stark zu:

Der Idee der Demokratie stimmt eine überwältigende Anzahl aller Befragten zu. Lediglich bei den Anhängern der Piratenpartei und der NPD sowie den Unentschlossenen und den Nichtwählern finden sich über 10 Prozent, die die Demokratie an sich nicht befürworten. Über ein Drittel der NPD- und AfD-Wähler sowie der Nichtwähler sind mit der Demokratie unzufrieden, wie sie in unserer Verfassung niedergelegt ist. Große Unzufriedenheit mit der tatsächlichen Demokratie in Deutschland zeigen drei Viertel aller AfD- und NPD-Wähler. Auch die Mehrheit der Linkswähler und der Nichtwähler ist mit dem Funktionieren der Demokratie nicht zufrieden.

Quelle: Uni Leipzig