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16.10.2015

Und was können wir tun gegen Verschwörungsideologien?

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Schwerpunkt Verschwörungsideologien: Die scheinen manchmal so absurd, dass Humor und Satire das einzigste geeignete Mittel zum Umgang scheinen. Allerdings wird das weder den menschenfeindlichen Inhalten gerecht noch überzeugt das Menschen, die noch unentschlossen sind, ob sie an (Welt-)Verschwörungen glauben sollen oder nicht. Was können wir also sinnvoll gegen Verschwörungsideologien tun?

Von Jan Rathje

Allgemeine Handlungsempfehlungen

Keine dualistischen Weltbilder vertreten (Medien, Zivilgesellschaft)

Verschwörungsideologien erklären die z. T. widersprüchlichen Geschehnisse in der Welt. Hier existieren sehr viele Parallelen zur Arbeit der Medien. In der Auseinandersetzung mit Verschwörungsideolog_innen sollte beachtet werden, dass nicht in umgekehrter Weise (oder ganz allgemein) ein dualistisches Weltbild gezeichnet wird: „Normale“ vs. Verschwörungsideolog_innen, bzw. Gut vs. Böse. Eine Abwertung von Anhänger_innen als „Verrückte“ oder Randgestalten überdeckt die gesellschaftlichen Ursprünge von Verschwörungsideologien und konstruiert eine vermeintlich „normale“ Mitte der Gesellschaft. Auch nicht-verschwörungsideologische Weltbilder der „Normalen“ haben ideologische Inhalte, Bereiche des Nichtwissens und der Fehlschlüsse. Deshalb sollte nicht einfach für die eine „normale“ Position eingetreten werden, sondern die Fehlerhaftigkeit der eigenen Informationsquellen anerkannt werden, ohne gleichzeitig Verschwörungsideologien zuzustimmen. Dies gilt besonders in den Auseinandersetzungen um den Themenkomplex „Lügenpresse“. Das Gegenteil der verschwörungsideologischen Position ist nicht die eine nicht-verschwörungsideologische, „normale“ Position, sondern im Sinne des Pluralismus viele unterschiedliche Positionen. Zuweilen scheint öffentlicher Widerspruch nur noch durch satirische Beiträge zu erfolgen. Nicht zuletzt deswegen werden bestimmte Sendungen und Formate von Verschwörungsideolog_innen emporgejubelt, weil sie zum Teil auch verschwörungsideologische Weltsichten transportieren und ähnliche Freund-/Feindbilder verwenden. In Fällen des Zweifels kann es manchmal jedoch nicht schaden, auch die eigene Unwissenheit einzugestehen und weitere Analysen abzuwarten. Es braucht Zeit, Erklärungen für gesellschaftliche, geschichtliche und private Ereignisse zu ermitteln. Verschwörungsideologien nehmen hier eine unzulässige Abkürzung. Diese Handlungsoption mag dem modernen Mediengeschäft teilweise entgegen gehen, für eine demokratische Gesellschaft ist Meinungsvielfalt jedoch wichtig, sofern es sich nicht um menschenfeindliche Aussagen handelt.

Menschenfeindliche Inhalte offenlegen

Begeben Sie sich nicht in eine Diskussion über Details, ohne über das notwendige Wissen zu verfügen. Zeigen Sie nach Möglichkeit die menschenfeindlichen Elemente auf, die Verschwörungsideologien zugrunde liegen. Etwa:

    Antidemokratischer Gesellschaftsentwurf
    Antipluralismus
    Direkte Demokratie ohne Minderheitenschutz
    Nationalismus
    Personalisierender Antikapitalismus

Mittel der Auseinandersetzung sind:

    Satire - geeignet, Dritte in besonderer Weise aufzuklären und potentielle Verbündete zu gewinnen
    Soziale Ächtung - um andere von der Ideologie abzuschrecken, sowie Verschwörungsideolog_innen mit einem geschlossenen Weltbild keinen Raum für ihre menschenfeindlichen Ideologien zu bieten
    Fragen als Mittel des Zweifels - um autoritären Weltbilder und antisemitischen Elemente aufzuzeigen, ohne die Personen jedoch sofort auszugrenzen (z.B. bei Jugendlichen)
    Mit Fakten gegen Verschwörungsideologien – Debunking: falsche Informationen oder Lügen von Verschwörungsideologien mit Fakten offenzulegen und zu entkräften; richtet sich an Verschwörungsideolog_innen, Mitlesende, Beistehende.

Worauf achten beim "Debunking"?

Debunking, zu Deutsch „Entlarven“, ist eine Methode, um falsche Informationen von Mythen, Ideen oder Überzeugungen aufzudecken. Bei der Methode geht es konkret darum, falsche Informationen oder Lügen von Verschwörungsideologien mit Fakten offenzulegen und zu entkräften. Gleichzeitig richtet sich das Debunking nicht nur an Verschwörungsideolog_innen, sondern auch an Mitlesende oder Beistehende, die sich noch kein geschlossenes Weltbild zusammengestellt haben.

Debunking legt einen Schwerpunkt auf Fakten und bedarf deshalb einiger Einarbeitung, um seine Wirkung entfalten zu können. Dazu kann es hilfreich sein, sich mit Wissenschaftscommunities zu vernetzen, vertrauenswürdige wissenschaftliche Quellen zu studieren oder sich auf Debunkingseiten über Fakten gegen Verschwörungsideologien zu informieren. Dabei geht es weniger darum, Menschen noch mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, als vielmehr Falschinformationen, Gerüchte und Mythen als solche aufzuzeigen und durch wissenschaftlich belegte Fakten zu ersetzen.

Beim Debunking empfiehlt es sich, drei Punkte zu beachten, wenn die Methode erfolgreich gegen Verschwörungsideologien angewandt werden soll:

1.Die wesentlichen Fakten wiedergeben, statt verschwörungsideologische Falschinformationen zu wiederholen.

Zu viele Informationen und Fakten überfordern die angesprochenen Personen tendenziell. Deshalb sollte sich beim Debunken auf die wichtigsten Fakten konzentriert werden, damit diese im Gedächtnis der Zuhörenden oder Lesenden verbleiben. Zusätzlich gilt es zu beachten, dass die Wiederholung von Falschinformationen bei Menschen dazu führen kann, dass sie sich diese eher merken als die entgegenstehenden Fakten. Deshalb sollte, soweit es möglich ist, vermieden werden, die verschwörungsideologischen Falschinformationen bei ihrer Widerlegung zu erwähnen. Es empfiehlt sich, den widerlegenden Fakten eine prominente Stellung, bei Texten etwa in der Überschrift und im ersten Absatz, zukommen zu lassen.

2.Wenn auf verschwörungsideologische Fehlinformationen eingegangen werden soll, muss ihnen eine Warnung vorausgehen, dass es sich um Fehlinformationen handelt.

Es muss für die Zuhörenden oder Lesenden klar erkennbar sein, dass die verschwörungsideologischen Aussagen innerhalb des Debunkings eine falsche Wahrnehmung der Welt darstellen. Ohne die eindeutige Warnung besteht die Gefahr, dass lediglich die vertrauten und leicht zu verstehenden verschwörungsideologischen Aussagen im Gedächtnis bleiben.

3.Das Debunking sollte nicht nur Verschwörungsideologien widerlegen, sondern auch eine alternative Erklärung oder auch eine Gegenerzählung (Counternarrative) für die Ereignisse bieten.

Verschwörungsideologische Falschinformationen dienen unter anderem dazu, bestimmte gesellschaftliche, geschichtliche und/oder private Ereignisse mit einem Sinn zu versehen (siehe Kapitel Sinnstiftungs- und Erkenntnisfunktion – Das Leid hat einen Sinn, S. ). Werden diese Falschinformationen nun widerlegt, entsteht eine erneute Erklärungslücke. Damit diese nicht wiederholt mit verschwörungsideologischen Falschinformationen gefüllt wird, müssen die Ereignisse mit einer alternativen Erklärung oder Erzählung versehen werden.

Ausführlich berichtet von den Handlungsstrategien, besonders zum Debunking, die neue Broschüre "No World Order - Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären" der Amadeu Antonio Stiftung. Sie bietet einen Einstieg in das Thema Verschwörungsideologien und ihren problematischen Bezug zum Antisemitismus.  Darüber hinaus liefert sie eine Auswahl an Möglichkeiten, Verschwörungsideologien zu entkräften und Interessierte auf die antidemokratischen Elemente dieser Welterzählungen hinzuweisen.

Sie erscheint in den kommenden Tagen und kann als Print-Version bei dem Amadeu Antonio Stiftung bestellt werden. Als PDF wird sie auch auf netz-gegen-nazis.de zum Download bereit stehen.

Quelle: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/und-was-k%C3%B6nnen-wir-tun-gegen-verschw%C3%B6rungsideologien-10668

 

21.09.2015

Praktische Hilfe zur Sprachvermittlung von "reise know how"

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Allen Menschen, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind, stellt der Verlag „Reise Know How“ folgende Sprachführer kostenfrei als Download und mp3-Download zur Verfügung:
Hier der Link: https://www.reise-know-how.de/verlag/reise-know-how-verlag-hilft-helfern-kommunikation-fluechtlingen-44346
"Das Vokabular ist genau auf Alltagssituationen ausgerichtet, die Grammatik vereinfacht und die geniale „Wort-für-Wort-Übersetzung“ macht das Sprachsystem durchschaubar und leitet dazu an, schnell die notwendigen Sätze zu bilden.
Der REISE KNOW-HOW Verlag hat bereits einige Helfer mit Büchern und mp3-Downloads ausgestattet. Gerade die hörbare Version ist bei den Helfern und auch bei den Flüchtlingen sehr gut angekommen. Über das Hören und Nachsprechen konnten besonders schnell die ersten wichtigen Wörter und Redewendungen gelernt werden.“ (so der Verlag)

04.09.2015

Wenn aus Worten Brandsätze werden

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Die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlinge in Deutschland ist alarmierend hoch. Beinahe täglich gibt es Brandstiftungen an Flüchtlingsunterkünften und schwere Körperverletzungen. Der August war der Monat mit den meisten Übergriffen auf Asylsuchende in diesem Jahr.

Von Marius Münstermann

Allein im August 18 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte

Die rechten Krawalle in Heidenau markieren den Höhepunkt einer drastischen Entwicklung: Der Hass gegenüber Asylsuchenden wird zunehmend offen zur Schau gestellt. Eine Auswertung der Chronik flüchtlingsfeindlicher Vorfälle der Aktion Schutzschild der Amadeu Antonio Stiftung in Kooperation mit Pro Asyl ergibt für den Monat August 82 Einträge. Besonders besorgniserregend: allein im August gab es 18 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte - fast die Hälfte der insgesamt 40 im gesamten Jahr.

Heidenau: mangelhafte Gegenwehr seitens der Polizei

Offenbar schöpft die rechtsextreme Szene aus der aktuellen Eskalation neuen Mut. Dass es in Heidenau an mehreren Abenden nacheinander zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, dürfte nicht allein der mangelhaften Gegenwehr seitens der Polizei geschuldet sein, die mit zu wenigen Kräften vor Ort war und selbst am zweiten Abend keine entschlossene Reaktion zeigte. Der braune Mob schien sich zusätzlich bestärkt zu fühlen, weil die rechte Gewalt längst nicht von allen Bürgern verurteilt wurde. Im Gegenteil: In Heidenau kamen viele vermeintlich besorgte Bürger auch nach der ersten Krawallnacht wieder, um sich den Rechtsextremen anzuschließen.

Anhaltend hohe Zahl flüchtlingsfeindlicher Demonstrationen

Dafür spricht auch die anhaltend hohe Zahl flüchtlingsfeindlicher Demonstrationen - im August waren es deutschlandweit 27. Wie schon zu Beginn der 90er Jahre hat die organisierte Rechte das Thema Asyl- und Flüchtlingspolitik als wichtiges Agitationsfeld erkannt. So hetzt sie seit Monaten vor Asylunterkünften. Seit dem vergangenen Jahr gründen sich zu diesem Zweck vielerorts Facebook-Seiten unter dem harmlos klingenden Namen “Nein zum Heim”. Dahinter steht vermutlich eine Kampagne der NPD. Das Aussehen der Seiten ist fast immer identisch. Neben Artikeln aus der Lokalpresse werden meist auch Inhalte rechtsradikaler Seiten geteilt. Die NPD selbst verschafft den “Nein zum Heim”-Seiten regen Zulauf, indem sie diese auf ihrer Facebook-Seite “Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland” bewirbt. So tummeln sich nicht selten Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet auf den lokalen Seiten – das erhöht nicht nur die Deutungshoheit zugunsten der Rechten, sondern vermittelt in den oftmals kleinen Ortschaften auch den Eindruck einer großen Bewegung.

Doch längst nicht allerorts lassen sich die Bürger die rechte Hetze gefallen. Selbst in kleinen Orten gibt es häufig Gegendemonstrationen, die sich mit Asylsuchenden solidarisieren. Aber auch Flüchtlingsunterstützer leben inzwischen gefährlich, wie entsprechende Übergriffe in den letzten Wochen belegen.

Provokantes Auftreten der rechten Szene

Zudem lässt sich seit einigen Wochen eine besorgniserregende Entwicklung beobachten. Bisher schienen die Anführer der rechten Szene darauf bedacht, die Auflagen der Polizei zu erfüllen, schließlich wollen sie ihre Demonstrationen nicht dadurch gefährden, dass einzelne Kameraden verbotene Symbole auf der Jacke tragen oder mit einem Hitler-Gruß auf sich aufmerksam machen. Zwar reizten die Rechten bereits in der Vergangenheit häufig die Grenze des Erlaubten aus. Inzwischen jedoch tritt die Szene besonders provokant auf und ruft in einigen Fällen offen zur Missachtung der Versammlungsauflagen auf: Am Wochenende nach den Ausschreitungen von Heidenau veranstaltete die NPD in der Kleinstadt erneut eine Demonstration. Trotz einer Sperrzone um die inzwischen bezogene Asylunterkunft forderte ein Redner die Teilnehmenden dazu auf, Polizeisperren zu überwinden und sich im Anschluss an die Kundgebung erneut in Richtung Asylunterkunft zu bewegen. Die Polizei musste später etwa 100 gewaltbereite Rechte auf dem der Unterkunft gegenüberliegenden Parkplatz einkesseln.

11 tätliche Übergriffe auf Flüchtlinge im August

Insgesamt kam es im August zu elf gewaltsamen Übergriffen auf Asylsuchenden, bei denen mindestens 16 Menschen verletzt wurden. Wie drastisch die Täter inzwischen vorgehen, zeigt ein Beispiel aus dem Dresdner Stadtteil Friedrichstadt: zwei Männer und eine Frau sprachen einen jugendlichen Asylsuchenden zunächst mit “Bist du Ausländer?” an. Dann schlugen die drei unvermittelt auf ihr Opfer ein. Ähnliche Vorfälle gab es im August  deutschlandweit.

28 sonstige Angriffe auf Flüchtlingsunterkünft im August

In ganz Deutschland flogen auch im August wieder Steine und Böller auf Asylunterkünfte, insgesamt 28 mal.Auch in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern verhinderte lediglich das schnelle Handeln des Sicherheitsdienstes und das baldige Eintreffen der Polizei Schlimmeres: zwei mit einem Messer bewaffnete Männer drangen abends auf das Gelände einer Asylunterkunft vor. Ebenfalls nur durch viel Glück kam bei einem Brandanschlag im niedersächsischen Salzhemmendorf niemand zu Schaden, als drei Täter einen Molotov-Cocktail durch ein Fenster in eine von Flüchtlingen bewohnte Wohnung warfen.

Rechte begrüßen Angriffe auf Unterkünfte in den Sozialen Netzwerken euphorisch

Zu dieser zunehmend gewaltverherrlichenden Einstellung passt, dass die NPD, “Die Rechte” und “Der III. Weg” die Gewalt gegen Asylsuchende vor allem auf ihren Facebook-Seiten immer weniger zurückhaltend kommentieren, die Anschläge teils gar euphorisch begrüßen. Während die Rechten auf diese Weise ihr wahres Gesicht zeigen, scheitern soziale Netzwerke wie Facebook daran, die rassistische Hetze zu unterbinden.

Taten werden auch von Alltagsrassisten begangen

Doch längst nicht bei allen Übergriffen auf Asylsuchende und ihre Unterkünfte ist die Nähe der Täter zur rechten Szene auf den ersten Blick so eindeutig zu erkennen. Im Gegenteil scheint ein Brand in einer Asylunterkunft inzwischen Botschaft genug – und ganz offenbar verstehen Nachahmer diese Botschaft.

Quelle: Mut gegen rechte Gewalt