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16.02.2015

Sie siedeln in ganz Deutschland

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Seit einigen Jahren ist im ländlichen Raum eine erschreckende Entwicklung zu beobachten: Extrem Rechte mit völkischer Ausrichtung siedeln sich in wenig bewohnten Gebieten an, um fernab größerer Städte ungestört nach ihrer menschenfeindlichen Weltanschauung zu leben. Besonders alarmierend: Diese Rückzugsorte bieten ihnen die Chance, ihre Kinder mit weniger Einflüssen von außen zu erziehen. Teilweise lebt so bereits die dritte Generation völkischer Siedler/innen auf den abgelegenen Höfen.

Von Anna Schmidt, netz gegen nazis

Ihre Weltanschauung geht auf das rassistisch-antisemitische Denken der völkischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, das im Nationalsozialismus seinen Höhepunkt fand. Sie halten es für ein Naturgesetz, das nur eine „rein“ deutsche Abstammung den Erhalt des „Volkes“ sichern könne und die deutsche „Volksgemeinschaft“ allen anderen Menschengruppen überlegen sei. IN diesem Denken gibt es keinen Platz für Weltoffenheit, für die Vielfalt von Lebensentwürfen und die Gleichberechtigung aller Menschen. Migrant/innen und Flüchtlinge werden in der Weltanschauung der völkischen Siedler/innen ebenso aus der Gesellschaft ausgeschlossen wie Menschen mit einer demokratischen Einstellung, mit einer unterschiedlichen sexuellen Orientierung oder unkonventionellen Lebensweisen.

Ideolog/innen statt Aussteiger/innen

Die völkischen Siedler/innen entscheiden sich für ein Leben auf dem Land, um jenseits größerer Städte eine unabhängige, rückwärtsgewandte Lebensweise zu führen. In dünn besiedelten Gebieten könne sie ungestörter ihrer menschenfeindlichen Weltanschauung folgen und ihre Kinder mit weniger Einflüssen von außen erziehen. Häufig arbeiten die völkischen Siedler/innen in traditionellen Berufen wie der (Bio-)Landwirtschaft, im Kunsthandwerk oder al Hebammen und haben einen starken Bezug zum Naturschutz. Ein Leben auf dem Land und eine ökologische Produktionsweise sind noch lange kein Verweis auf völkisches Siedeln. Aber die völkischen Siedler/innen treffen in ihrer Umgebung auf viel Zustimmung, weil sich ökologisch nachhaltige Konzepte in der Gesellschaft zunehmend durchsetzen, währen  ein kritisches Bewusstsein für problematische Überschneidungen zu rechten Naturschützer/innen häufig fehlt. Die völkischen Siedler/innen werden so oft nur als harmlose alternative Aussteiger/innen gesehen, Naturschutz dient ihnen aber lediglich dazu, die deutsche „Volksgemeinschaft“  und ihren „Lebensraum“ zu bewahren.

Engagiert und rechtsextrem

Wie gut sich die Siedler/innen in das Engagement von Umweltschützer/innen eingliedern können, zeigt das Vorgehen von Holger Fromm*, einem der ersten völkischen Siedler in Mecklenburg-Vorpommern. Er war Gründungsmitglied der Initiative „Gentechnikfreie Region Nebel / Krakow2, bis seine rechte Weltanschauung bekannt wurde und er aus der Initiative ausgeschlossen wurde. Der Biobauer und Agraringenieur ist NPD-Mitglied und wurde von der Landtagsfraktion der Partei als Experte bei einer öffentlichen Anhörung  zur „grünen Gentechnik“ eingeladen. Und selbst Udo Pastörs, dessen politische Einstellung als langjähriger Kader der NPD, ehemaliger Bundesvorsitzender und amtierender Vorsitzender der Landtagsfraktion der NPD in MV hinreichend bekannt sein sollte, schaffte es, sich zwei Jahre lang als Mitglied der mecklenburgischen Bürgerinitiative „Braunkohle Nein!“ zu halten, bis er wegen seiner Parteizugehörigkeit ausgeschlossen wurde. Die Initiative wollte ihre „Heimat“ gegen „industrielle Großvorhaben“ verteidigen und verhindern, „Opfer von ausländischen Unternehmern“ zu werden, „die ihre Gewinne in die USA abführen und einen verarmten Natur- und Wirtschaftraum hinterlassen“.

"Nette" Nachbarn mit Hang zum Brauchtum

In den Gemeinden treten die völkischen Siedler/innen als nette, hilfsbereite Nachbar/innen auf, die sich mit ihrer zupackende Art beliebt und letztendlich unentbehrlich machen. Sie übernehmen ehrenamtliche Positionen in Vereinen, Kindergärten oder Schulen und wenn ihre menschenfeindliche Weltanschauung bekannt wird, sind sie oft so fest in den Alltagsstrukturen verankert, dass nur schwer gegen sie vorgegangen werden kann. Ihre bisweilen sehr traditionell anmutende Kleidung – die langen Rücke der Frauen und die Zimmermannshosen der Männer – fällt nicht weiter auf. Im Gegenteil: Wenn sie an Volksfesten, (Kunsthandwerks-)Märkten oder Mittelalterfestival teilnehmen , gelten die völkischen Siedler/innen als kulturell engagiert  und traditionsbewusst. Sie bezwecken mit der Pflege althergebrachten Brauchtums aber die Stärkung einer germanisch-nordischen Kultur, mit der sie sich gegen kulturelle Vielfalt und ein demokratisches Zusammenleben abschotten wollen.

Häufig stammen die Siedler/innen aus völkischen Sippen, die das extrem rechte Gedankengut schon seit Generationen weitergeben. Auch wenn sie auf den ersten Anschein harmlos erscheinen, vertreten sie ihre Weltanschauung nicht nur in Diskussionen unerbittlich, sondern im Ernstfall auch mit militärischen Mitteln: Überlebenstrainings und Wehrsportübungen, bei denen schon Kinder und Jugendliche gedrillt werden, sollen die Verteidigung der „Volksgemeinschaft“ gewährleisten.

Sie siedeln von Schleswig-Holstein bis Bayern

Die völkischen Siedlungsprojekte sind kein Kurzzeitphänomen, sondern auf eine langfristige Beeinflussung der Alltagskultur ausgerichtet. Sie finden sich in ganz Deutschland: Die Siedler/innen haben sich in Bayern, Hessen, der Lüneburger Heide, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schleswig-Holstein niedergelassen. Sie sind bisher wenig aufgefallen und es gibt keine offiziellen Statistiken über sie, doch Beratungsstellen erhalten zunehmend besorgte Anfragen von Menschen, die mit den Siedler/innen zu tun haben.

Was tun?

Der Einfluss der Siedler/innen ist allerdings nicht ungebrochen: Immer wieder schließen sich Menschen, die mit den Siedler/innen konfrontiert sind, zusammen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, Netzwerke zu bilden und den rechten Nachbar/innen eine demokratische Alltagskultur entgegenzusetzen. Mit  Öffentlichkeitsarbeit, Theaterprojekten, Kinder- und Sportfesten oder Diskussionsveranstaltungen bringen sie die Menschen auf einer gleichberechtigten, weltoffenen Ebene zueinander und sorgen für einen Zusammenhalt, der eine völkische Weltanschauung weit hinter sich lässt.

Um dieses zivilgesellschaftliche Engagement zu unterstützen, will die Broschüre „Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum. Basiswissen und Handlungsstrategien“  über den Lebensentwurf der völkischen Siedler/innen aufklären. Was ist die völkische Weltanschauung? Welchen Stellenwert haben Bauerntum und Brauchtum für die Siedler/innen? Welchen Bezug haben sie zum Umweltschutz? Neben einem Interview mit der Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke, die sich intensiv mit dem Thema völkische Siedler/innen beschäftigt hat, bietet die Broschüre Handlungsempfehlungen, die den Umgang mit den Siedler/innen erleichtern sollen und Informationen über Beratungsstellen, die eine professionelle Unterstützung gewährleisten.

Ermöglicht wurde die Publikation durch das Programm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ des Bundesministeriums des Innern, das in ländlichen Gegenden eine lebendige und demokratische Gemeinwesenkultur fördert. Schon seit Beginn des Programms engagiert sich die Amadeu Antonio Stiftung in diesem Bereich und setzt sich mit dem Projekt „Region in Aktion“ für eine demokratische Kultur in ländlichen Regionen ein. Gerade dort ist es für Bürgerinnen und Bürger besonders schwer, da extrem Rechte die Alltagsstrukturen schleichende unterwandern und versuchen, das Zusammenleben zu dominieren.

Lesetipp: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum. Basiswissen und Handlungsstrategien. Berlin 2014. Als pdf zum Download auf der Website der Amadeu Antonio Stiftung, www.amadeu-antonio-stiftung.de

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16.02.2015

Fragile Mitte! Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014

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Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat  im November die repräsentative Studie "Fragile Mitte - Feindselige Zustände" veröffentlicht, die sich mit rechtsextremen Einstellungen in Deutschland beschäftigt. Die Ergebnisse bieten unter Anderem interessante Erklärungsmuster für die aktuellen Entwicklungen.

Wir übernehmen die Auswertung von www.netz gegen nazis.de

Die folgenden Daten stammen aus der Studie: Andreas Zick/ Anna Klein: Fragile Mitte - Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014.

Sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellungen

Im Rahmen der Studie wurden 1.915 repräsentativ ausgewählte Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit im Alter von 16-95 Jahren befragt. Der Altersdurchschnitt betrug 49,9 Jahre.

Zur Ermittlung der rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung, wurden diese in sechs Dimensionen unterteilt:

+ Befürwortung Diktatur

+ Chauvinismus

+ Ausländerfeindlichkeit

+ Antisemitismus

+ Sozialdarwinismus

+ Verharmlosung des Nationalsozialismus

Verbreitung rechtsextremer Einstellungen

Durch einen Fragebogen wurden die Zustimmungswerte zu den jeweiligen Dimensionen ermittelt. Die Ergebnisse sind in Teilen besorgniserregend:

+ 23% Zustimmung:  „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“

+ 11% Zustimmung: „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mir starker Hand regiert.“

+ 36% Zustimmung:  „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.“

+ 18% Zustimmung: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“

Vergleich von rechtsextremen Einstellungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen

Ost/West-Vergleich

+ Rechtsextreme Einstellungen sind nach wie vor häufiger bei Personen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind.

+ Der größte Unterschied besteht bei der Dimension Ausländerfeindlichkeit (6,8% im Westen, 10,6% im Osten).

Vergleich nach Geschlechtern

+ Kaum größere Unterschiede bei der Zustimmung zum Rechtsextremismus nach Geschlecht.

+ Einzig die Ausländerfeindlichkeit ist bei den Frauen (10,6%) signifikant häufiger als bei den Männern (6,8%).

Vergleich nach Altersgruppen

+ Personen im mittleren Alter (31-60) stimmen rechtsextremen Einstellungen am seltensten zu.

+ Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus ist bei der Gruppe der über 60jährigen am häufigsten verbreitet.

+ Befürwortung einer Diktatur und Verharmlosung des Nationalsozialismus sind am häufigsten bei der Gruppe der 16-30jährigen.

+ Die Unterschiede zwischen der jüngsten und der ältesten Altersgruppe sind jedoch eher gering.

Sozioökonomische Selbstverortung

+ Die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen ist bei Person die sich selbst in der sozioökonomischen Mitte verorten würden am geringstes, bei Personen die sich selbst der Unterschicht zugehörig fühlen, am höchsten.

+ Auffällig sind die im Vergleich zur Mitte deutlich höheren Zustimmungswerte bei den Befragten die sich selbst oben einordnen würden.

Politische Selbstverortung

+ Die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen ist, wie zu erwarten war, bei Personen die sich selbst ins politisch rechte Spektrum einordnen würden am höchsten.

+ Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass auch Personen die sich selbst in die politische Mitte verorten würden teilweise hohe Zustimmungswerte zu rechtsextremen Einstellungen aufweisen (z.B. 6,2% Ausländerfeindlichkeit).

Entwicklung von rechtsextremen Einstellungen

+ Insgesamt sind 2014 die Zustimmungswerte zu allen Dimensionen rechtsextremer Einstellungen geringer als im Jahr 2012, mit Ausnahme der Zustimmung zur Diktatur (2012: 3,5% 2014: 4,1%)

+ Besonders auffällig ist die stark rückläufige Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen (2012: 25,1%, 2014: 7,5%).

+ Auch chauvinistische (von 19,4% auf 12,1%) und antisemitische (von 8,6 auf 3,2%) Einstellungen sind stark zurückgegangen.

+ Mit Blick auf den Antisemitismus haben jedoch weniger die klassischen judenfeindlichen Vorurteile, sondern mehr sekundär antisemitische Einstellungen und Aussagen, die sich einer Dämonisierung Israels bedienen, besonders hohe Zustimmungswerte erfahren.

Auswirkungen rechtsextremer Einstellungen auf das Verhalten

Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen nach Parteipräferenz

+ Die deutlichsten Zustimmungswerte gibt es selbstverständlich bei Wählern der NPD.

+ Es existieren jedoch auch bei Wählern der AfD überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte zu chauvinistischen (41,2%) und ausländerfeindlichen Aussagen (15,9%), sowie zu Aussagen, die den Nationalsozialismus verharmlosen (14,3%).

+ Auffällig hohe Zustimmungswerte gibt es zudem in der Gruppe der Nichtwähler. Diese sind daher potentiell für rechtspopulistische Mobilisierung erreichbar.

+ Auch bei Wählern anderer Parteien gibt es deutliche Zustimmung zu einigen rechtsextremen Dimensionen. So stimmen zum Beispiel 9% der CDU/CSU Wähler, 4,5% der SPD Wähler und sogar 10% der FDP Wähler ausländerfeindlichen Aussagen zu.

Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft

+ Knapp 14% der Befragten sind der Meinung, dass Gewalt gegen politische Verantwortliche unter Umständen gerechtfertigt sein kann.

+ Gewalt gegen Einwandere halten 12% der Befragten für gerechtfertigt.

+ 15% der Befragten wären bereit, sich mit Gewalt gegen Fremde durchzusetzen.

+ Insgesamt ist davon auszugehen, dass mehr als 10% der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland offen Gewalt billigen und/oder selbst dazu bereit wären, Gewalt anzuwenden.

Vergleicht man die Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft der Personen die rechtsextremen Aussagen zustimmen, mit dem Gewaltpotential derer, die diese Aussagen ablehnen, so kann man für alle Dimensionen rechtsextremer Einstellungen eine hohe Affinität zu Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft feststellen:

+ So sind etwa Personen, die eine Diktatur befürworten, mehr als dreimal so gewaltbereit, wie Personen, die eine Diktatur ablehnen (30,3 zu 8,7%).

+ Personen mit antisemitischer Einstellung billigen Gewalt fast siebenmal häufiger, als nicht antisemitisch eingestellte Befragte (28,8% zu 4,4%).

+ Personen mit ausländerfeindlicher Einstellung billigen Gewalt fast sechsmal häufiger (27% zu 4,7%), und sind über viermal häufiger dazu bereit, Gewalt selbst anzuwenden (34,1% zu 7,8%).

Rechtsextremismus in der Wahrnehmung der Bevölkerung

+ Rechtsextremismus wird von fast 87% der Befragten als Bedrohung wahrgenommen, allerdings sind über 50% der Meinung, das Problem würde in den Medien zu hochgekocht.

+ Nur etwa die Hälfte der Befragten fühlt sich persönlich dafür verantwortlich, etwas gegen Rechtsextremismus zu tun.

+ Ebenfalls die Hälfte ist der Meinung, es sei am besten die Rechtsextremen zu ignorieren.

+ 80% halten es für dringend notwendig, etwas gegen Rechtsextremismus zu unternehmen.

Vergleicht man die Ergebnisse für die verschiedenen Altersgruppen, so erkennt man deutliche Unterschiede:

+ So nimmt die jüngere Altersgruppe (16-30) den Rechtsextremismus am wenigsten als Bedrohung wahr (7,3%)  und hält es für am wenigsten dringend etwas gegen den Rechtsextremismus zu unternehmen (12,3%).

+ Die älteste Gruppe (60+) nimmt zwar den Rechtsextremismus am ehesten als Bedrohung wahr (73,4%) fühlt sich jedoch auch am wenigsten  persönlich dafür verantwortlich etwas dagegen zu unternehmen (21,9%).

+ Vor allem die mittlere Altersgruppe (31-60) ist der Ansicht, der Rechtsextremismus würde in den Medien hochgekocht (28,4%).

Zusammenfassende Erkenntnisse

Die Studie von 2014 zeigt, dass rechtsextreme Einstellungen in Deutschland klar zurückgehen. Der vergleichsweise hohen Teilnehmerzahlen der Pegida-Demonstrationen in den vergangenen Wochen, sind demnach nicht repräsentativ für die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung. Als mögliche Begründung für die rückläufigen Zahlen wird das Bekanntwerden des rechtsextremen Terrors im Jahr 2011, und die die dadurch ausgelöste öffentliche Debatte angeführt. Des Weiteren, so heißt es, scheinen die Bemühungen zahlreicher Initiativen, Stiftungen und Projekte der politischen Bildung normativ zu wirken. Das alles ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die weitverbreiteten rechtsextremen Einstellungen und Ressentiments nach wie vor ein ernstzunehmendes, gesamtgesellschaftliches Problem darstellen - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der deutlich höheren Gewaltbereitschaft bei Menschen mit rechtsextremen Positionen.

Es ist bemerkenswert, dass 25 Jahre nach dem Mauerfall, Rechtsextremismus, und im Speziellen, Ausländerfeindlichkeit nach wie vor im Ostdeutschland mehr Zuspruch als in Westdeutschland erfährt. So war das Epizentrum der Pegida-Bewegung nicht umsonst in Sachsen. Die Autoren sehen eine Erklärung darin, dass der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung im Osten wesentlich geringer ist, und daher weniger Möglichkeiten für interkulturellen Kontakt bestehen. Außerdem muss beachtet werden, dass die Unterschiede zwischen anderen Regionen, etwas Bundesländern oder wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Regionen größer sind, als die Ost-West-Differenzen.

Durch die Befragung wird außerdem deutlich, dass rechtsextreme Tendenzen sowohl in der politischen, als auch in der sozioökonomischen Mitte am geringsten sind. Der gesellschaftliche Wandel, der mit einem Schrumpfen eben dieser Mitte einhergeht, kann also eine indirekte Gefahr für die Demokratie bedeuten. Das Aufkommen neuer rechter Parteien, die durch subtilere rechtspopulistische Positionen auf einen Stimmengewinn in der Mitte der Gesellschaft aus sind, stellt daher eine tatsächliche Bedrohung dar, und muss ernst genommen werden.

Betrachtet man die Wahrnehmung von Rechtsextremismus in der Bevölkerung,  so stellt man fest, dass die Problematik mehrheitlich durchaus ernst genommen, und als bedrohlich eingestuft wird. Erwähnenswert ist hier allerdings vor allem die Tatsache, dass ebenfalls eine Mehrheit der Ansicht ist, das Problem würde in den Medien zu sehr hochgekocht. Die Zustimmung zu dieser Aussage, korreliert, so die Autoren, auch eindeutig mit einem rechtsextremen Überzeugungsmuster. Dieser Zusammenhang von Medienverachtung und Rechtsextremismus geht einher, mit dem allgemeinen Misstrauen in die Medien, dass in den vergangenen Wochen und Monaten im Pegida-Umfeld durch die abwertende Propagierung einer „Lügenpresse“ zum Ausdruck gekommen ist.

Es lässt sich zusammenfassen, dass die Studie trotz allerlei besorgniserregender Erkenntnisse, alles in allem Grund zum Optimismus bietet.  So lange rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung rückläufig sind, so lange befindet sich die Gesellschaft auf dem richtigen Weg – wenngleich es noch viel zu tun gibt.

12.11.2014

„Demokratie fällt nicht vom Himmel“ Interview der Evangelischen Zeitung mit Karl-Georg Ohse

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06.11.2014 | Schwerin. Das Projekt „Kirche stärkt Demokratie” bietet Fortbildungen zum Umgang mit Rechtsextremismus an: für Haupt- und Ehrenamtliche in evangelischen und katholischen Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns. Beratungen und Supervision vor Ort gehören zum Angebot, das sich auch an Kirchen- und Pfarrgemeinderäte sowie Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen wendet. Ein Gespräch mit Projektleiter Karl-Georg Ohse.

Evangelische Zeitung: Wer nimmt Ihre Angebote wahr, wer kommt zu den Fortbildungen?

Karl-Georg Ohse: Meist sind es engagierte Gemeindemitglieder oder Synodale. Und die fragen sich: Wie bekomme ich meinen Pastor oder den Kirchengemeinderat dazu, sich gegen Rechtsextremismus einzusetzen und so für eine demokratische Gesellschaft stark zu machen?

Evangelische Zeitung: Engagieren sich Ihrer Ansicht nach genug Pastoren und Gemeinden gegen rechts?

Es gibt einzelne Pastorinnen und Pastoren, die sich sehr engagieren. Aber viele halten sich eher zurück – mit dem Argument: „Das ist nicht unsere Aufgabe, sondern die des Staates.” Die meisten haben schlicht und einfach Angst, zum Beispiel wenn es darum geht, bei Gegenaktionen zu einer NPD-Demonstration öffentlich Stellung zu beziehen.

Evangelische Zeitung: Was kann man gegen diese Angst tun?

Grundsätzlich ist erst einmal wichtig, sich einzugestehen, dass man Angst hat und deswegen nicht handelt. Im nächsten Schritt sollte man sich kompetente Partner aus anderen gesellschaftlichen Bereichen suchen: die Polizei. Ansprechpartner aus den mobilen Beratungsteams. Leute, die auf seiten der Opfer rechtsextremistischer Hetze und Übergriffe stehen. Gerade auf Dörfern sind solche Netzwerke wichtig.

Evangelische Zeitung: Wie können Gemeinden konkret gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorgehen?

Eine Möglichkeit a, sich auf kommunalpolitischer Ebene  einzubringen. Zum Beispiel, wenn es um Flüchtlinge geht. Gemeinden können Solidaritätsgruppen gründen. Es gibt einen Fall, in dem Konfirmanden Flüchtlingen Deutschunterricht geben.

Evangelische Zeitung: Welche Rolle spielt Rechtsextremismus bei Jugendlichen, die am Konfirmandenunterricht teilnehmen?

In Mecklenburg-Vorpommern ist das Thema natürlich relevant – allerdings weniger, weil die Konfirmanden selbst rechtsextrem eingestellt sind. Das kommt eher selten vor. Aber fast alle werden in ihrem Umfeld mit Rechtsextremismus konfrontiert: in der Schule oder in ihrem Dorf.

Evangelische Zeitung: Und die extrem rechten Jugendlichen kommen nicht zum Konfirmandenunterricht?

Die Mehrheit der rechten Szene ist neo-heidnisch ausgerichtet: Diese Jugendlichen haben kaum Bezug zur Kirche – auch viele Eltern nicht. Aufgrund der DDR-Zeit ist hier sozusagen ein Vakuum entstanden. Es gibt unter dieser Jugendlichen eher den Trend, sich innerhalb pfadfinder-ähnlicher Strukturen zu organisieren.

Evangelische Zeitung: Wie präsentieren sich Neonazis nach außen: Sind sie eindeutig durch Kleidung, Musik und kulturelle Codes erkennbar?

Die jungen Neonazis treten nicht mehr als brutale Skinheads in Springerstiefeln auf. Auch die Musik lässt sich nicht mehr so klar zuordnen wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das hat sich ausdifferenziert, die Szene ist sehr gemischt:     Heavy Metal, Hip-Hop, Liedermacher – alles ist dabei. Und äußerlich kann man rechtsextrem eingestellte Jugendliche manchmal kaum von Links-Autonomen unterscheiden.

Evangelische Zeitung: Welche präventiven Strategien lassen sich im Rahmen kirchlicher Jugendarbeit entwickeln, um Jugendliche zu schützen und zu verhindern, dass sie sich rechtsextremen Gruppen anschließen?

Wichtig für Jugendliche ist, sich selbst verorten zu können. Anstatt sie vor einer rechtsextremen Haltung zu warnen, würde ich darauf setzen, ihr demokratisch-christliches Selbstbewusstsein zu stärken. Und mit ihnen Fragen zu erarbeiten wie: „Warum sind Menschenrechte wichtig? Was ist meine Vorstellung vom Leben in einer demokratischen Gesellschaft? Was halte ich von Menschen, die gegen Andersgläubige oder Familien mit Migrationsgeschichte agitieren?” Eine andere Möglichkeit, die Jugendlichen zu sensibilisieren sind lokale Geschichtsprojekte. Dabei können sie etwa in der Dorfchronik recherchieren, was aus den jüdischen Menschen geworden ist, die vor 1945 in ihrem Heimatort gelebt haben.

Evangelische Zeitung: Und wie ist es, wenn die Jugendlichen doch rechte Einstellungen äußern – sei es im Konfirmandenunterricht oder während einer Freizeit?

Es ist wichtig, jeden Jugendlichen als Person anzunehmen. Und sich anzuhören, welche Fragen er oder sie hat. Nur so ist ja möglich, einen Zugang zu den jungen Menschen finden. Manchmal kommen Kinder aus Kaderfamilien – die oft in sogenannten „rein deutschen Dörfern” leben – mit Kirche in Berührung: Auch Schulen und Kindergärten sind damit konfrontiert. Wichtig ist, diese Kinder nicht auszugrenzen, sondern ihnen anhand unserer Werte und Zuwendung Alternativen anzubieten.
Info

Im Januar 2015 startet der zweite Durchgang der Fortbildungsreihe „Kirche kann Demokratie“. Informationen im Netz: www.teo-kist.de/termine_anmeldung/