Hintergrund

Aktuelles & Bilder

08.12.2016

Landesbischof Ulrich warnt vor Populismus

Photo

24.11.2016 ǀ Lübeck-Travemünde.  Die Nordkirche darf nach den Worten von Landesbischof Gerhard Ulrich die öffentliche Debatte nicht den Populisten überlassen. Vor allem verunsicherte Menschen, die nach einfachen Antworten suchen, seien offenbar anfällig für populistische Parolen, sagte Ulrich auf der Landessynode (Kirchenparlament) am Donnerstag in Lübeck-Travemünde. Die Nordkirche werde sich weiterhin für Flüchtlinge engagieren, aber auch für Bedürftige, die schon immer in Deutschland lebten.

Im Fokus der Nordkirche seien aber nicht Parteien, sondern die Menschen mit ihren Ängsten und Sorgen, sagte Ulrich. Abgrenzung sei kein Weg, den Herausforderungen der Moderne gerecht zu werden. Die Nordkirche werde daher auch Politiker der AfD begleiten, "wenn sie sich als Demokraten erweisen". Auch in den eigenen Gemeinden gebe es Menschen, die die Flüchtlingsarbeit kritisch sehen und mehr Engagement für die Armen fordern, räumte der Landesbischof ein. Es gelte weiterhin der Grundsatz "Wir lassen niemanden zurück!"

Es gebe offenbar viele Menschen, die in einer immer komplizierteren Welt mit ihrer Digitalisierung und den vielen Lebensstilen nicht zurechtkommen, sagte Ulrich. "Nicht wenige Deutsche fühlen sich als Fremde hier." Auch die Kirche werde von einigen als Teil einer Elite gesehen, die die Probleme der Menschen aus dem Blick verliert. Sie werde daher immer wieder überlegen müssen, wie sie alle Menschen gleichermaßen miteinbezieht.

Fremde gastfreundlich aufzunehmen gehöre zu den Kernforderungen an Christen, betonte der Landesbischof. Christlicher Glaube sei allerdings auch realistisch. Integration müsse also klug organisiert werden. Dafür sei ein Einwanderungsgesetz und ein Handeln auf europäischer Ebene notwendig. Die Stimme der Christen sei auch notwendig für eine "humanitäre Weltinnenpolitik". Das wirtschaftliche Handeln hier dürfe nicht Menschen auf der südlichen Erdkugel in die Flucht treiben.

In der Debatte um die neue "Loyalitätsrichtlinie" für das kirchliche Arbeitsrecht forderte der Landesbischof eine Öffnung für Mitarbeitende, die einer anderen oder keiner Kirche angehören. Gleichzeitig müsse das christliche Profil der kirchlichen und diakonischen Einrichtungen gestärkt werden.
Quelle: epd

10.11.2016

"Stimmungsmache gegen Geschlechtergerechtigkeit ist keine Bagatelle"

Photo

Kirche macht mobil gegen Rechtspopulismus - Aufklärungsflyer zu rechtspopulistischer Anti-Gender-Hetze erschienen

Hannover/Bremen/Magdeburg (07. November 2016). Um den Fachbegriff Gender ist ein neuer Kulturkampf entbrannt, neokonservative und rechte Kräfte ziehen europaweit gegen eine liberale Geschlechterpolitik zu Felde. Über die politischen Hintergründe informiert jetzt eine Aufklärungsbroschüre, die das Evangelische Zentrum Frauen und Männer gGmbH gemeinsam mit der Gleichstellungsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche zur EKD-Synode herausbringt.

"Wir folgen dem Aufruf von Präses Schwaetzer, rechtspopulistischen Tendenzen in Kirche und Gesellschaft konsequent entgegenzutreten", erklärt Dr. Eske Wollrad, Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer. Der Flyer gebe in klarer Sprache Auskunft, was hinter der Rede vom sogenannten Genderismus stecke, sowie konkrete Tipps für den Umgang mit Stammtischparolen.

"Die Stimmungsmache gegen Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt ist keine Bagatelle", betont auch Peter Brockmann, Vorsitzender des Gleichstellungsbeirats der Bremischen Evangelischen Kirche. Auch wenn sie häufig weniger Beachtung fände als Xenophobie, stehe hinter beidem dieselbe menschenfeindliche Haltung. "Rechtspopulistische Kräfte bauen 'Anti-Gender' als zweites Standbein auf. Und genau hier liegt leider ihr Einfallstor in Teile der Kirche", so Brockmann.

"Aufklärung ist auch deshalb dringend notwendig, weil diejenigen, die den Fachterminus Gender diffamieren, selten offen sagen, was sie wirklich wollen", erläutert Martin Rosowski, Geschäftsführer am Evangelischen Zentrum Frauen und Männer. Sie forderten "Ehe und Familie vor!" oder den "Schutz unserer Kinder", zielten damit aber tatsächlich auf die Ungleichbehandlung all derer, die anders leben als sie selbst. "Gender hin oder her - es geht nicht um Wortklauberei, sondern um eine Schlüsselfrage", so Rosowski. "Wofür treten wir in Kirche und Gesellschaft ein? Für eine Welt, in der alle auf Augenhöhe dazugehören? Oder für eine Welt, in der manche Menschen mehr wert sind als andere und daher mehr Schutz verdienen als sie?"
Der Flyer beschreibt die Strategie neokonservativer Kräfte in ganz Europa, mit Hilfe von Verunglimpfungen des Terminus' Gender ein stereotypes Bild vom Mann- und Frausein und von Familie festzuschreiben und andere Lebensentwürfe wieder zurückzudrängen. Den Flyer finden Sie im Dateianhang, weitere Hintergrundinformation sind auch unter www.gender-ismus.evangelisches-zentrum.de zugänglich.

08.09.2016

Ein wissenschaftlicher Blick auf den NSU

Photo

Von Armin Pfahl-Traughber aus Blick nach rechts

In einer jüngst erschienenen Studie wird der Kontext von Gesellschaft, Radikalisierung und Rechtsterrorismus näher reflektiert.
 

Die Anschläge und Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) haben in Medien und Politik große Aufmerksamkeit gefunden. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive sind bislang indessen nur einzelne Aufsätze, aber noch keine umfangreichere Monographie vorgelegt worden. Eine solche liefert jetzt der Politikwissenschaftler Matthias Quent mit seiner Studie „Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät“.

Auch wenn das eher wie eine journalistische Arbeit klingt, handelt es sich doch um eine ursprüngliche Promotionsschrift. Dem Autor geht es im Kern darum, die Entwicklung der drei NSU-Angehörigen und deren Umfeld als Radikalisierungsprozess zu untersuchen. Dabei nimmt er eine Differenzierung unterschiedlicher Ebenen vor und geht von ihrem Ineinandergreifen aus: die Gesellschaft (Makroebene), die Bewegung beziehungsweise Subkultur innerhalb der Zivilgesellschaft (Mesoebene) und die radikalisierten Individuen und Kleingruppen (Mikroebene).

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln, die zwei größeren Teilen zugeordnet werden können. Zunächst geht es um die Definition von „Radikalisierung“, den Forschungsstand zum Thema und den Kontext von Gesellschaft und Rechtsterrorismus. Ärgerlich ist, dass Quent Verweis auf Verweis, Zitat auf Zitat aneinander reiht. Er referiert dabei einzelne Autoren mal eher ablehnend, meist aber zustimmend. Als Beispiel heißt es dann auf nur zwei Seiten: „Hobsbawn (...) meint“, „Gurr (...) beschreibt“, „So stellt Della Porta (...) fest“ oder „Richardson (...) hält“ (S. 100). Demnach „klebt“ der Autor auf nahezu der Hälfte der Studie an der Sekundärliteratur. Dabei ignoriert er aber auffälligerweise Beiträge aus der Extremismus- und Terrorismusforschung zum NSU.


Deutungsversuche über das Ende der Mordserie

Erst nach gut der Hälfte des Textes geht es dann zum eigentlichen Thema: Ausführlich schildert Quent die Entstehung, Gruppenkultur und „Rationalität“ des NSU. Dabei nimmt er immer wieder die allgemeine Entwicklung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland in den Blick. Meist in Anlehnung an Donatella Della Porta nimmt der Autor gelegentlich auch komparative Betrachtungen zum linken Terrorismus vor (vgl. z.B. S. 251f.), wenngleich er bei der Abhandlung des Forschungsstandes die inhaltlich allerdings verzerrt dargestellte vergleichende Extremismusforschung verdammt. Aber immer dann, wenn Quent sich dem NSU nähert, wird seine Analyse besser und zielführender. Dies gilt allgemein für die Ausführungen zu den Karrieren individueller Radikalisierung (vgl. S. 289-312), aber auch zu Deutungsversuchen über das Ende der Mordserie (vgl. S. 279-284). Er formuliert hier etwa: „Der Terrorismus des NSU ist zu deuten als ein Kommunikationsprozess zwischen Rechtsextremen und migrantischer Bevölkerung“ (S. 280).

In der Gesamtschau fällt das Urteil über die Veröffentlichung ambivalent aus: Während der erste Teil zwar eine informative Darstellung zu verschiedenen Aspekten der Forschung enthält, blitzt hier nur selten die eigene analytisch-wissenschaftliche Leistung durch. Darüber hinaus finden sich mitunter Einseitigkeiten und Fehldeutungen insbesondere zur Extremismustheorie, die gerade mal mit einem Buchtitel überhaupt im Literaturverzeichnis einen Platz findet. Die Darstellung und Untersuchung des NSU-Komplexes im engeren Sinne ist dann gelungener. Quent geht nicht nur ausführlich auf die Artikel von Uwe Mundlos ein (vgl. S. 234-251), er zeichnet auch detailliert den Radikalisierungsprozesses des NSU-Trios und ihres Umfeldes nach und entwickelt dabei eine gelungene Typologie (vgl. S. 289-312). Auch wenn zu vielen Detailfragen noch immer Wissenslücken bestehen, gelingt es dem Autor hier doch, den Kontext von Gesellschaft, Radikalisierung und Rechtsterrorismus näher zu reflektieren. Dabei findet man durchaus beachtenswerte Ansätze für die weitere Forschung.


Matthias Quent, Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät, Weinheim 2016 (Beltz Juventa), 374 Seiten, 29,95 Euro.